Wiener Kunstgeschichte in Armenien und Persien


Vor dem neuerlichen Lockdown war es immerhin möglich gewesen, einige zum Teil mehrfach verschobene Veranstaltungen im Oktober 2021 am Institut zumindest in hybrider Form nachzuholen. Schon zweimal verschoben werden musste eine kleine Tagung zu Josef Strzygowski und dessen Forschungen zur armenischen Architektur. Der Vorteil der Verschiebung war allerdings, dass das Programm um eine kleine Ausstellung sowie um drei darauf bezugnehmende Kurzvorträge erweitert werden konnte. Der Anlass für diese Veranstaltung war der Ankauf eines Teilnachlasses von Fotos und Plänen zur amenischen Architektur für das Institutsarchiv mit finanzieller Unterstützung der Kunsthistorischen Gesellschaft und der Gesellschaft für vergleichende Kunstforschung. Das Material stammt aus dem Erbe des Strzygowski-Dissertanten Johannes Schwieger, der diese Unterlagen seit 1925 in Kärnten verwahrt hatte. Um ein wenig Klarheit in die komplizierten Besitzverhältnisse des 1941 verstorbenen Professors zu bringen hatte Institutsarchivar Friedrich Polleroß zu diesem Anlass einen Aufsatz über die zahlreichen Teilnachlässe verfasst, in dem auch Strzygowskis Netzwerk und seine StudentInnen zwischen Zionismus und Nationalsozialismus beleuchtet werden.

Der stellvertretende Institutsvorstand Lukas Nickel begrüßte die Gäste und überraschte mit der Information, dass auch sein Vater ein Buch über armenische Kunst geschrieben hatte! Als erster Referent verortete Georg Vasold, der frühere Institutsarchivar, den Wiener Ordinarius in der „Weltkunstgeschichte“. Strzygowski war zwar nicht der erste, aber er entfaltete eine besondere Breitenwirkung und setze dies auch ganz bewusst für sein „Forschungsinstitut“ ein. Im Gegensatz zu seinem Rivalen Julius von Schlosser, den Vertreter der orthodoxen Wiener Schule der Kunstgeschichte, füllte der „Orientale“ mit seinen Vorlesungen jahrelang den kleinen Festsaal, während man für den „Römer“ immer erst ein paar Studenten zusammentrommeln musste. Strzygowski bespielte auch die Urania und setzte ab 1909 die neuen Möglichkeiten des „Strahlbildes“ etc. ein. Ungeachtet seiner teilweise abstrusen Theorien, erlangte er durch seine zahlreichen SchülerInnen eine weltweite Bedeutung: seine StudentInnen begründeten kunsthistorische Lehrstühle für asiatische Kunst in der Türkei, in Indien und in den USA!

Karl Johns
Amerikaner mit Wohnsitz in Klosterneuburg  ist als Enkel der Künstlerin und Dvorák-Schülerin Emma Bormann, prädestiniert den Amerikanern die „Wiener Schule“ näher zu bringen. In seinem Vortrag spürte er vier amerikanischen Dissertanten von Strzygowski nach. Der Institusarchivar bot dann einen Überblick über den „Schwieger-Nachlass“, dessen Geschichte und die Bedeutung für die Wissenschaftsgeschichte sowie für die Erforschung und Denkmalpflege der armenischen Architektur. Der  Student der Digital Humanities Christos Bintsis stellte eine virtuelle Karte der Armenienexkursion vor – basierende auf der Originalkarte der Exkursion von 1913. Fani Gargova, die mit ihren Studierenden die vielfältige Internetausstellung zum Strzygowski-Nachlass in der Fotosammlung des Instituts bearbeitet hat, bot einen Überblick über diese und den kulturgeschichtlichen Kontext der Sammlung. Die Studentin Inka Schleicher stellte dann den auch in einer Vitrine von ihr präsentierten georgischen Fotografen Dimitri Ermakov vor.

Nach der Kaffeepause wurde die amerikanisch-armenische Strzygowski-Expertin Christina Maranci von der Tufst University zugeschaltet. Sie verwies auf die Bedeutung, die Strzygowskis Forschungen und Buch von 1918 noch immer haben: Zunächst bilden das Fotomaterial und die sorgfältigen Planzeichnungen eine wichtige Grundlage aller Forschungen zur amenischen Architektur, weil viele der Monumente durch Naturkatastrophen, Krieg und aus politischen Gründen zerstört wurden. Ebenso nützlich seien die von Strzygowski sorgfältig recherchierten und überlieferten Inschriften. Als erster Kunsthistoriker habe Strzygowski einen interdisziplinären Ansatz eingebracht, und die Liturgie, Ethnographie sowie Geographie in seine Forschungen einbezogen. Schon bei der Exkursion von 1913 war ein Völkerkundler mit dabei! Durch die bewussten Zerstörungen der christlichen Bauten durch die Türkei und neuerdings durch Aserbeidschan komme der Thematik auch eine wichtige politische Bedeutung zu.

Im Anschluss an die Vorträge eröffneten Institutsvorständin Lioba Theis und der armenische Botschafter S. E. Armen Papykian die Ausstellung in den drei Vitrinen der Aula. Die erste war Strzysowski und seiner Armenienexkusursion von 1913 gewidmet, die zweite dem armenischen Architekten Toros Toramanian. Unter den über 60 Gästen befanden sich nicht nur zwei Enkel und eine Enkelin von Strzygowski sowie die weitschichtig verwandte Tochter eines Strzygowski-Schülers, Marlene Strauß-Zykan, aber auch der Pfarrer des Wiener Mechitaristenklosters P. Vahan Hogaminian. Während des Buffets spielten drei Musiker mit armenischen bzw. syrischen Wurzeln auf, nämlich Rodi Mestrih, Fahdi Nahhas und Ardag Simonian.

Nur eine Woche später ging es mit einer ähnlichen Thematik weiter: unsere japanische Kollegin Yuka Kadoi, Lise-Meitner-Stipendiatin zum Thema „Persische Kunst in Wien 1900-1945“, hatte nämlich eine ebenfalls hybride Tagung „Persian Art. The Shifting of Objects, Images and Ideas in Early 20th Centruy Central Europe“ organisiert. In Vertretung des verhinderten Iran-Spezialisten Markus Ritter eröffnete abermals Lukas Nickel und verwies einleitend auf die Weltausstellung von 1873 als Auslöser eines neuen Interesses für islamische bzw. asiatische Kunst und Kultur, aber auch auf Strzygowski als Betreuer von zahlreichen Dissertationen zur asiatischen Kunst. Auch Kadoi betonte Strzygowskis methodisches Leitmotiv „Orient oder Rom“ als wesentliche Ursache für die Erforschung der asiatischen Kunst in Wien. Tatsächlich hatte der Ordinarius nicht nur 1912 Forschungsinstitute in Peking und Teheran geplant, sondern selbst in einem Aufsatz Bezüge zwischen armenischer sowie persischer Kunst vermutet (Foto) und noch um 1930 ein eigenes Seminar „Rohstoffgruppen im iranischen Kunstgewerbe" abgehalten (Foto).

Zunächst referierte Robert Born über österreichische und ungarische Expeditionen nach Persien und Zentralasien um 1900 und über die Wurzeln der Erforschung der islamischen Kunst durch Graf Zichy, den Strzygowski-Assistenten Ernst Diez oder Georg Jacob vor dem Hintergrund des Panslawismus sowie des osmanischen und deutschen Imperialismus. Der frühere MAK-Kurator Johannes Wieninger, stellte die vergessene Ausstellung islamischer Kunst im Jahr 1935 vor. Die Initiative ging vom „Verein der Freunde der asiatischen Kunst“ aus, der bis 1938 400 vielfach jüdische Mitglieder hatte. Leihgeber waren daher auch jüdische Forscherinnen wie Stella Kramrisch und Sammler wie Perlmutter, Herz sowie Emil Delmár aus Budapest. Diesem gelang es, 1938 seine Bestände nach Basel bzw. New York zu retten, und der Referent konnte zahlreiche der Ausstellungsstücke von 1935 im amerikanischen Museen ausfindig machen.

Unsere Professorin Ebba Koch berichtete über die Entdeckung der Moghulmalereien im Millionenzimmer von Schönbrunn. Diese waren erstmals von Josef Strzygowski und seinem an der Armenienexkursion beteiligten Assistenten Heinrich Glück sowie seiner Schülerin Emmy Wellesz wissenschaftlich bearbeitet und 1923 publiziert worden. In diesem Zusammenhang erinnerte Koch an ihre Studienzeit in den 1960 und 1970er Jahren als der ehemalige Ordinarius eine Persona-non-grata am Institut gewesen ist. Erst während ihres Aufenthaltes in Amerika habe sie ein unvoreingenommeneres Bild von Strzygowski bekommen. Durch die Restaurierung der Schönbrunner Miniaturen in den letzten Jahrzehnten sind natürlich manche Kenntnisse von 1923 überholt. So wurde festgestellt, dass die – wie man schon seinerzeit aufgrund der Kopien von Rembrandt erkannte - aus Holland stammenden indischen Bilder in Wien neu zusammengesetzt und durch einfühlsame Hintergrundlandschaften ergänzt wurden. Tatsächlich hatte es schon unter Karl VI. in Wien zwei kaiserliche Hofmaler für „indianische Lackmalereien“ gegeben.

Den Abendvortrag bot Matthew Rampley aus Brünn. Er stellte den Theologen und Abenteurer Alois Musil (1868-1944) vor, der als „österreichischer Lawrence von Arabien“ gilt. Der Cousin 2. Grades von Robert Musil hat 1907 das jordanische Wüstenschloss Qusair Amra publiziert, lehrte an der Wiener Universität, war als Offizier in die Sixtusaffaire der kaiserlichen Familie verwickelt und wurde nach dem Weltkrieg zum tschechischen Nationalisten sowie Begründer der Orientalistik in Prag und nicht zuletzt ein populärer Reiseschriftsteller. Obwohl als Scheich mit den Einheimischen sympathisierend war er natürlich im Kampf gegen die Briten sowie mit seinen Sammlungen im kolonialen Denken seiner Zeit gefangen und wirkte an der tschechischen Mythenbildung mit, wie auch aus einem ihm gewidmeten Museum ersichtlich ist. In der Diskussion wurde von Prof. Rosenberg bedauert, dass im Vortrag nicht näher auf die Objekte der Musilschen Sammlung eingegangen worden sei.

Friedrich Polleroß   Fotos: Institut für Kunstgeschichte (René Steyer), Friedrich Polleroß