Habitus und Askese: Künstlerregeln und Selbstgestaltung von der italienischen Renaissance zum Prager Underground

15.04.2026

Die KhG lädt zum Vortrag von Hana Gründler am 15.04.2026 um 18.00 (c.t.) im SR1 des Instituts ein!

In den Schriften Leon Battista Albertis und Leonardo da Vincis stehen Künstlerregeln und Selbstgestaltung in einem spannungsreichen Verhältnis. So werden etwa in Über die Seelenruhe und dem Buch der Malerei einerseits bewusst die Vorteile disziplinierender Gewohnheiten zur Sprache gebracht, andererseits aber auch immer wieder auf die Notwendigkeit verschiedener körperlicher und geistiger Übungen hingewiesen, die als freiheitliche Praktiken weit über das Ästhetische hinausreichen und ethische und politische Bereiche berühren. Neben einer kritischen Lektüre ausgewählter Passagen Albertis und Leonardos, die in einen breiteren philosophiegeschichtlichen Horizont eingebettet werden, soll in einem zweiten Schritt das überraschende Nachleben und die produktiven Transformationen dieser Diskurse beleuchtet werden. Im Fokus stehen dabei künstlerische Praktiken und philosophische Positionen in der ČSSR der 1960er und 1970er Jahre. Sowohl im Kontext des marxistischen Humanismus als auch der inoffiziellen Undergroundszene wurde insbesondere dann auf theoretische Positionen und ästhetische Prinzipien der Renaissance zurückgegriffen, wenn es um Möglichkeiten der Realitätsgestaltung, aber auch der freiheitlich-widerständigen ‚Selbstgestaltung‘ ging. 

 

 

 

Shortbio

Hana Gründler ist Permanent and Independent W2-Research Group Leader am Kunsthistorischen Institut in Florenz – Max-Planck-Institut, wo sie die Forschungsgruppe „Etho-Ästhetiken des Visuellen“ leitet. In ihrer Forschung bewegt sie sich an den Schnittstellen zwischen Philosophie und Kunst(-geschichte) von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Gastprofessuren haben sie u.a. an das Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin, an das Institut für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin und an das Dipartimento di Studi Umanistici der Universität Urbino geführt. Zu ihren jüngsten Publikationen zählen das Sonderheft der Zeitschrift für Ideengeschichte „Eastern Underground” (München 2024, mit Jörg Völlnagel) sowie Aufsätze zum Verhältnis von Visualität und Ethik. Sie ist auch Herausgeberin von Leon Battista Albertis moralischem Dialog „Über die Seelenruhe“ (Berlin 2022). Ihre Monographie „Ästhetiken der Freiheit. Inoffizielle Kunst und Philosophie in Prag, 1948–1989“ erscheint im September 2026.

 

 

Petr Štembera, Narzissus 1, Aktion im ehemaligen St. Agnes Kloster Prag, 1974.