Oral Art History

In der Zeitgeschichte ist es seit Jahrzehnten üblich, persönliche Erinnerungen von wichtigen Persönlichkeiten sowie von einfachen Zeitzeug*innen zu erfragen und häufig auch als Ton- oder Filmaufzeichnungen zu archivieren. Eines der größten Unternehmen dieser Art ist die 1994 gegründete Shoah-Foundation von Steven Spielberg. An der Universität Wien wurden Studierende erstmals 1974 im Fach Geschichte mit dieser Methode vertraut gemacht, und seither werden immer wieder entsprechende Praktika angeboten bzw. Archive für das dabei entstandene Material geschaffen.

Vergleichbare Initiativen aus dem Bereich der Kunstgeschichte sind hingegen weniger bekannt. Natürlich gab und gibt es immer wieder Kinofilme mit oder über lebende Künstler*innen wie Picasso, die Museen und Kunsthallen produzieren Interviews im Zusammenhang mit Ausstellungen wie bei Maria Lassnig und das Fernsehen bringt Sendungen wie zuletzt über Arnulf Rainer anlässlich des 90. Geburtstages im Dezember 2019. Aber das bleiben anlassbezogene Einzelfälle.

Hingegen hat das Smithsonian Archives of American Art bereits im Jahre 1958 mit dem Aufbau einer nationalen Sammlung von Künstler*innen-Interviews begonnen. Die National Gallery of Art in Washington startete zum 50. Geburtstag 1987 ein ähnliches Unternehmen, und 1990 wurde erstmals in einer Fachzeitschrift unter dem Titel „Art, Art History, and Oral History“ über das neue Phänomen berichtet. 2006 hat man ein Oral-History-Archiv für japanische Kunst ins Leben gerufen, und erst 2011 legte auch das MOMA in New York - nach einem ausstellungsbezogenen Vorlauf von 2003 bis 2009 -  eine Sammlung von Künstler*innen-Interviews an, darunter von Robert Rauschenberg, Jeff Koons oder Dan Graham. 2013 bot schließlich der Sammelband „Oral History in the Visual Arts“ von Linda Sandino und Matthew Partington einen ausführlicheren Über- oder Rückblick auf diese neue Methode der Kunstwissenschaft.

Unser Institut hat zwar mehrfach im Rahmen von Institutsausflügen den Kontakt mit „lebenden Legenden“ der österreichischen Kunstszene gesucht, aber diese Gespräche mit Hermann Nitsch, Arnulf Rainer, Marianne Maderna und zuletzt  Hermann Czech wurden nicht dokumentiert.

Anlässlich des Todes zweier dieser Wegbereiter*innen der Nachkriegsmoderne, nämlich des Bildhauers Wander Bertoni und des langjährigen Hochschulrektors Oswald Oberhuber, sei aber auf Interviews mit diesen beiden Künstlern hingewiesen, die 2013 im Rahmen einer Lehrveranstaltung von Prof. Dr. Martina Pippal von Studierenden unseres Instituts angefertigt wurden. Im Seminar "Österreichische Kunst, 1945–1955. Geschichte einer (re-)Konstruktion" war es Aufgabe der Studierenden im Rahmen eines jeden Referats, ein Videointerview mit Künstler*innen oder Kulturschaffenden zu machen. Die Personenauswahl war durch die Referatsthemen vorgegeben, aber es kamen auch Vorschläge von den Studierenden. Die Studierenden sollten die Interviews machen und dann kritisch in ihre monographischen oder auch thematisch weiter gesteckten Referate einbauen, um nötigenfalls konstruktive Informationen von subjektiven Eindrücken der Interviewten zu trennen. In diesem Zusammenhang entstanden die Videofilminterviews mit Wander Bertoni und Oswald Oberhuber, die auch auf der UNIDAM-Datenbank der Universität gespeichert wurden. Aber auch zwei Diplomarbeiten haben von diesem Seminar ihren Ausgang genommen, nämlich von Peter Weber, "Österreichische bildende Künstler. Arbeiten für das Theater nach 1945" und Catharina Felke, "Die Kunstkritik in der Wiener Nachkriegspresse von 1945 bis 1950".

Vielleicht bietet dieser Bericht ja die Anregung, ähnliche gerade für die Erforschung der zeitgenössischen Kunst wesentliche Lehrveranstaltungen und vor allem die dafür notwendigen Methodendiskussionen in Zukunft öfter anzubieten. Das Thema würde sich natürlich auch für eine fächerübergreifende Ausbildung an unserer Fakultät eignen.
 
Friedrich Polleroß        Fotos: Erwin Pokorny, Friedrich Polleroß und Armin Plankensteiner