Objektangaben:
Titel: Rathaus von Leuven, Belgien
Urheber der Aufnahme: Bisson frères (Louis-Auguste Bisson/Auguste-Rosalie Bisson)
Datierung der Aufnahme: 1854
Technik: Albumin-Abzug auf Karton von Kollodium-Glasplatte
Maße: 46 x 36,5 cm
Provenienz: unbekannt
Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Fotosammlung, Inv. Nr. 166846
Pioniere der Fotografie: Bisson frères und das Löwener Rathaus 1854
Zu den ältesten Fotografien in der Fotosammlung zählen großformatige Ansichten bedeutender Architekturdenkmäler, die als Lehrmittel und Anschauungsmaterial an das Institut gekommen sein dürften. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1854 zeigt das Rathaus von Löwen (Leuven/Louvain) in Belgien.
Das spätgotische Rathaus ist ein markantes Gebäude am Grote Markt, das zwischen 1439 und 1469 nach Plänen von Sulpitius van Vorst und Matheus de Layens erbaut wurde. Die Pferdedroschken und der Leiterwagen mit Baumaterial weisen auf die frühe Entstehungszeit der Aufnahme hin. Auffällig sind auch die fast geisterhaft wirkenden Passanten, die durch die lange Belichtungszeit verschwommen erscheinen.
Die Ansicht beeindruckt neben der detailgetreuen Wiedergabe der Architekturelemente vor allem durch ihre Größe von 46 x 36,5 cm. Dies ist insofern bemerkenswert, als Abzüge im Kontaktverfahren direkt vom Glasnegativ derselben Größe angefertigt werden mussten. Vergrößerungsapparate waren noch nicht erfunden. Der durch einen Hochglanzlack haltbar gemachte Albumin-Abzug in der Fotothek entstand zwischen 1857 und 1863. Leider wurde der Trägerkarton im 20. Jahrhundert am Rand stark beschnitten, worunter der hochwertige Gesamteindruck des Objekts leidet. Auch die Beschriftung mit Kugelschreiber stammt aus dieser Zeit. Durch den Firmenstempel rechts unten sowie einen kaum sichtbaren Prägestempel in der linken unteren Bildecke (Abb. 1) ist die Aufnahme als Werk aus dem Atelier von Bisson frères gekennzeichnet.
Bisson frères zählte in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu den größten und renommiertesten Fotostudios in Frankreich. Louis-Auguste Bisson galt als ein Innovator, der ständig an Verbesserungen der Fotografietechnik arbeitete. Von Daguerre persönlich ausgebildet, gehörte er zu den ersten Daguerreotypisten. 1852 gründete er gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Auguste-Rosalie Bisson das Fotostudio Bisson frères, das sich bald mit großformatigen Architekturaufnahmen höchster Qualität einen Namen machte. Die technisch extrem aufwendigen und in ihrer Größe unerreichten fotografischen Werke galten als handwerkliche Höchstleistungen, die immer wieder mit Titeln und Auszeichnungen bedacht wurden. Mit ihrem wissenschaftlichen Anspruch richteten sich die Ansichten der Architekturdenkmäler vor allem an eine professionelle Klientel aus Architekten, Kunsthistorikern und staatlichen Institutionen. Bekannt wurde Bisson frères vor allem durch das zwischen 1853 und 1862 entstandene monumentale Werk mit dem schönen, wenn auch etwas umständlichen Titel Fotografische Reproduktionen der schönsten Architekturtypen und Skulpturen nach den bemerkenswertesten Monumenten der Antike, des Mittelalters und der Renaissance[1], aus dem auch die Ansicht des Rathauses von Löwen stammt. Die Aufnahmen dieser Serie wurden in unregelmäßigen Abständen an Abonnenten ausgeliefert, aber auch als Einzelwerke in den luxuriös ausgestatteten Geschäftsräumen des Fotostudios in Paris verkauft.
Leider erwies sich das Geschäftsmodell der Brüder als langfristig nicht tragfähig. Mit ihren hohen Qualitätsansprüchen konnten sie sich immer weniger gegen die zunehmende Flut preiswerter Massenware wie Billigabzüge und Postkarten behaupten und mussten schließlich 1863 Konkurs anmelden. Ihr gesamtes Inventar, die Glasnegative sowie 23 teure Großformatkameras wurden zwangsversteigert.
(Helmut Schober)
[1] Reproductions photographique des plus beaux types d’architecture et de sculpture d’après les monuments les plus remarquables de l’Antiquité, du Moyen-Age et de la Renaissance, executée par MM. Bisson frères, sous la direction de MM. Duban, de Gisors, H. Labrouste Lassus, Lefuel, Voudoyer, Viollet-le-Duc etc., Paris 1853–1862.
Literatur:
Eskildsen/Knodt 1999
Ute Eskildsen/Robert Knodt (Hg.), Die Brüder Bisson. Aufstieg und Fall eines Fotografenunternehmens im 19. Jahrhundert (Kat. Ausst., Museum Folkwang, Essen 1999; Münchner Stadtmuseum, München 1999; Bibliothèque Nationale de France, Paris 1999), Amsterdam 1999.
Leroy 1996
Marie-Noëlle Leroy, Les frères Bisson et la photographie d'architecture, phil. Dipl. (unpubl.), Université Paris-VIII 1996.
