INSIGHTS#7

Im Zwischenraum der Blicke - Zur fotografischen Doppelgestalt

Objektangaben:

Titel: Sommerpavillon der ehem. Schwarzenbergischen Meierei

Urheberin: Martina Pippal

Datierung der Aufnahme: 1993

Technische Angaben: S/W Fotografie, Silbergelatine-Abzug auf Karton

Maße: 17,8 x 11,9 cm

Provenienz: Martina Pippal

Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Fotosammlung, Inv. Nr. 147214


Im Zwischenraum der Blicke -
Zur fotografischen Doppelgestalt des Sommerpavillons der ehemaligen Schwarzenbergischen Meierei


"Es war mir durchaus ein Anliegen, gute Fotos zu machen. Und das heißt: gut komponiert, starke Kontraste, scharf sowieso. Mit dieser Ästhetik bin ich aufgewachsen." Martina Pippal [1]

 

Beim ersten Betrachten der Aufnahme geschieht etwas Faszinierendes: Sie weckt Neugier - und bindet den Blick. Doch weniger durch das Offensichtliche als durch das, was sich dahinter verbirgt. Sehen wir die sachliche Dokumentation eines Denkmals? Ein ästhetisches Produkt, dessen kontrastreiche Komposition einer bewussten künstlerischen Formensprache folgt? Oder verweben sich beide Ebenen zu einer einzigen fotografischen Doppelgestalt?

Die vorliegende Fotografie entstand 1993 im Rahmen der 33-teiligen Serie von Detailaufnahmen des Sommerpavillons der ehemaligen Schwarzenbergischen Meierei in Wien. Sie zeigt die Sicht in eine naturbelassene Umgebung mit wilder Vegetation. Die kontrastreiche Bildarchitektur, von Teilen der Veranda gestützt, erscheint dabei bewusst gewählt. Martina Pippal fertigte sie für die Publikation Requiem für ein Kulturdenkmal - Der Schwarzenbergische "Sommerpavillon" ist nicht mehr[2] an, um den vermeintlich vom Abriss bedrohten Ort visuell zu sichern. Heute wissen wir: Der Sommerpavillon wurde nicht abgerissen, sondern versetzt. Retrospektiv betont die Fotografin und ehemalige a.o. Professorin an unserem Institut, dass es kein rein dokumentarischer Auftrag war, sondern auch ein gestalterischer Prozess - verbunden mit der Idee, stadtpolitische Diskurse der frühen 1990er-Jahre im Bereich Denkmalpflege anzustoßen. Pippal ist sich der ästhetischen Qualitäten der Schwarz-Weiß-Fotografie bewusst: sie bilde ein solides Fundament für gestalterische Mittel und verdeutliche zugleich ihr implizites Bildverständnis, das früh durch Architekturaufnahmen sozialisiert wurde.[3]

Fotografie gilt allgemein als Medium, das die 'Wirklichkeit' abzubilden versucht.[4] Doch neben dem dokumentarischen S(ch)ein ist sie immer auch Ergebnis bewusster Entscheidungen oder kultureller Botschaften - und nie neutral.[5] Dadurch entsteht ein eigener Zwischenraum[6], der Dokumentation und ästhetische Form verbindet, die Grenzen des Dokumentarischen hinterfragt und Platz für eine Doppelgestalt schafft.

Theoretisch lässt sich dieses Phänomen mit Deleuze und Guattari als rhizomatischer Raum (von altgriechisch ῥίζωμα, rhizoma 'Eingewurzeltes')[7] fassen, der in diesem Fall als Geflecht[8] von Blicken funktioniert: Der Blick der Fotografin, verwoben mit der gestalterischen Form des Bildes, trifft auf den Blick des Betrachtenden, der wiederum eigene Bedeutungen vor dem inneren Auge evoziert. Das Bild selbst scheint ebenfalls durch das, was es zeigt, zurückzublicken. Ein Netz von Wahrnehmungen entsteht - nicht hierarchisch, sondern offen und dynamisch.[9]

In diesem verflochtenen Zwischenraum ließe sich auch mit Barthes' punctum argumentieren - jenem Moment, der wie ein "Pfeil" ganz unvermittelt ins Innere trifft.[10] Es ist eine Berührung, die keiner Worte bedarf, da nicht das Sichtbare zählt. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Faszination der Aufnahme: in jenem rätselhaften Zwischenraum der Blicke und Berührungen - als subtile Doppelgestalt zwischen Dokument und Ästhetik, die sich jeder Eindeutigkeit entzieht.

(Marion Ludwig)


[1] Martina Pippal, schriftlich interviewt von Marion Ludwig, 14.07.2025.

[2] Pippal 1994, S. 18.

[3] Martina Pippal, schriftlich interviewt von Marion Ludwig, 14.07.2025.

[4] Barthes 1989, S. 78.

[5] Sekula 1982, S. 84.

[6] Köffler/Sojer 2021, S. 50.

[7] Sprick 2017, S. 32.

[8] Bormann 2023, S. 19.

[9] Klumpp 2011, S. 14.

[10] Shurkus 2014, S. 72.

 

Literatur:

Barthes 1989
Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie, Frankfurt am Main 1989.

Bormann 2023
Ralf Bormann, Rhizom. Entzogenheit und Entbergung. Das Werkbuch, in: Andreas Rudigier (Hg.), Werkbuch. Österreichischer Grafikwettbewerb 1-38, 1952-2023, Innsbruck/Wien 2023, S. 17-24.

Klumpp 2011
Andreas Klumpp, Rhizom. Performativität. Veridiktion, München 2011. (26.07.2025) DOI: 10.5282/ubm/epub.12886

Köffler/Sojer 2021
Nadja Köffler/Thomas Sojer, Resonante Begegnungen im fotografischen "Dazwischen", in: Johannes Steiner (Hg.), Klang.Kunst.Bild. Interdisziplinäres Gestalten in der Schule, Münster/New York 2021, S. 45-58. (26.07.2025) DOI: https://doi.org/10.31244/9783830994251

Pippal 1994
Martina Pippal, Requiem für ein Kulturdenkmal. Der Schwarzenbergische "Sommerpavillon" ist nicht mehr, in: Steine Sprechen, 100, 1994, S.18.

Rampley 2001
Matthew Rampley, Iconology of the Interval. Aby Warburg's legacy, in: World & Image, 4, 2001, S. 303-324. (25.07.2025) DOI: http://dx.doi.org/10.1080/02666286.2001.10435723

Sekula 1982
Allan Sekula, On the Invention of Photographic Meaning, in: Victor Burgin (Hg.), Thinking Photography, Basingstoke 1982, S. 84-109.

Shurkus 2014
Marie Shurkus, Camera Lucida And Affect. Beyond Representation, in: Photographies, 7, 1, 2014, S. 67-83. (25.07.2025) DOI: https://doi.org/10.1080/17540763.2014.896276

Sprick 2017
Benjamin Sprick, Das Rhizom, in: Clemens Malich (Hg.), Entwurzelt. Aufbruch in das Morgen, Hamburg 2017, S. 33-37. (27.07.2025) URL: https://www.academia.edu/44016269/Das_Rhizom

Abbildungen aus: Steine sprechen, Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Denkmal- und Ortsbildpflege, Wien, Juli-September 1994, Nr. 100 (Jg. XXXIII/1), S. 19.