Objektdaten
Titel: Wohnhaus in Mamallapuram, Indien
Urheber der Aufnahme: Leopold Speneder
Datierung der Aufnahme: vor 1928
Technik: S/W-Fotografie auf Karton
Maße: 18 x 13,2 cm
Provenienz: Leopold Speneder
Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Fotosammlung, Inv. Nr. 1652
Zwischen Fortschritt und ideologischer Entfremdung. Der Schmale Grad von Speneders Indien-Forschung
Die auf einem Karton montierte schwarz-weiß Fotografie zeigt im Vergleich zu anderen Werken aus der Fotosammlung des Instituts für Kunstgeschichte ein eher ungewöhnliches Motiv. Zu sehen ist nämlich eine Hütte, eine recht einfache Behausung, die keinen Anspruch auf Monumentalität zu erheben scheint, inklusive ihren vermeintlichen Bewohner*innen. Der rückseitigen Beschriftung zufolge befand sich diese bescheidene Hütte in der Nähe des Tempelbezirks von Mamallapuram in Indien.
Betrachter*innen dieser Fotografie drängt sich unweigerlich die Frage nach einem Warum auf: Warum wurde dieses Foto, das auf den ersten Blick wie ein Schnappschuss wirkt, aufgenommen? Und woher kam das plötzliche Interesse an indischer Architektur am Wiener Institut für Kunstgeschichte, wo man sich doch lange ausschließlich mit europäischer Kunst befasste?
Durch den rückseitigen Verweis auf einen Autor, lässt sich erstere Frage recht gut beantworten. Leopold Speneder (geb. 1901) benützte das Foto für seine Dissertation „Vorderindische Sakralbautypen. Ihre Voraussetzungen und ihre Entstehung“, um die Funktionsweise indischer Architektur, insbesondere jene von Bambusdachstühlen, näher zu erklären.[1] Demnach handelt es sich nicht um einen rein zufälligen Schnappschuss, sondern um eine kalkulierte Aufnahme zur Erklärung eines architektonischen Prinzips. Einige Bestandteile, wie die leichte Unschärfe der Hütte oder die dargestellten Personen, welche nicht inszeniert, sondern bei ihren alltäglichen Tätigkeiten fotografiert wurden, lassen jedoch eine gewisse Spontanität der Aufnahme vermuten.
Wirft man nun einen näheren Blick in das Vorwort von Speneders Dissertation, sticht folgendes Zitat ins Auge: „Die vorliegende Untersuchung soll als Vorstufe zu einer späteren Arbeit aufgefasst werden, zu der ich die Anregung meinem verehrten Lehrer, Hofrat Strzygowski verdanke.“[2] Josef Strzygowski (1862–1941) war Kunsthistoriker und bis 1933 Leiter des 1. Instituts für Kunstgeschichte. Heute gelten er und seine Forschung als umstritten, da besonders in seinem Spätwerk (z. B. Das indogermanische Ahnenerbe des Deutschen Volkes und die Kunstgeschichte der Zukunft. Eine Kampfschrift aus dem Jahr 1940[3]) rassistische und nationalsozialistische Tendenzen sehr deutlich zum Ausdruck kommen.[4]
Ob auch Speneders Forschung, so wie jene seines Mentors, von einer nationalsozialistischen Ideologie geprägt war, wurde bislang nicht näher untersucht. Klar ist hierbei jedoch, dass Speneder kein Mitglied der NSDAP war[5] und nach 1939 auch nicht mehr in den „Arbeitsplänen“ des „Deutschen Volksbildungswerks“ aufschien.[6] Kapitelüberschriften wie Bodenverhältnisse und Rassenschichtung in der Dissertation zeugen trotzdem von einer zeittypischen rassistischen Weltanschauung.[7]
Es handelt sich demnach um ein äußerst ambivalentes Kapitel in der kunsthistorischen Forschung. Einerseits gelang es Strzygowski und Speneder, den eurozentrischen Blick in ihrer Disziplin zu weiten und damit die Basis für eine „Weltkunstforschung“ zu schaffen, in der es nicht mehr nur um den europäischen Kanon gehen sollte. Andererseits verknüpfte sich mit dieser Forschung zunehmend eine menschenverachtende Ideologie, deren Einfluss keinesfalls unterschätzt werden darf.[8]
(Selina Binderlehner)
[1] Speneder 1928, S. 76.
[2] Zu dieser „späteren Arbeit“ (Speneder 1928, S. 1) kam es jedoch nie. Speneder befasste sich in weiteren wissenschaftlichen Arbeiten nicht mehr mit Indien, sondern legte seinen Fokus auf österreichische Kunstwerke.
[3] Strzygowski 1940.
[4] Universität Wien 2023.
[5] Universität Wien, Institut für Kunstgeschichte, Institutsarchiv, Karton 5, Personalakt Leopold Speneder.
[6] Stifter/Streibel 2020, S. 161.
[7] Speneder 1928, S. 95–107.
[8] Zu dieser Ambivalenz siehe auch Vasold 2024.
Literatur:
Speneder 1928
Leopold Speneder, Vorderindische Sakralbautypen: ihre Vorausetzungen und ihre Entstehung, Diss., Universität Wien 1928.
Stifter/ Streibel 2020
Christian H. Stifter/Robert Streibel, »...und mich freudig zum National-Sozialismus bekenne!«. Die Neuordnung der Wiener Volkshochschulen 1938–1945: Gleichschaltung, Programmstruktur, Karrieristen und Täter, in: vhs, SPURENSUCHE, 29, 2020 (30.06.2025), URL: https://www.vhs.at/files/downloads/zVry5wbwL4fvB3RgksbZOO9wdAEo6sWTWIxpwMBW.pdf
Strzygowski 1940
Josef Strzygowski, Das indogermanische Ahnenerbe des deutschen Volkes und die Kunstgeschichte der Zukunft, eine Kampfschrift, Wien 1940.
Universität Wien 2023
Universität Wien, Josef (Joseph) Strzygowski, Univ.-Prof. Dr. phil., in: Geschichte der Universität Wien, 2023 (30.06.2025), URL: https://geschichte.univie.ac.at/de/personen/josef-joseph-strzygowski
Vasold 2024
Georg Vasold, Josef Strzygowski und die Popularisierung der Weltkunst, in: Mitteilungen. Der Gesellschaft für vergleichende Kunstforschung in Wien, 76, 2024, S. 16-23.
