INSIGHTS#5

Der spätgotische Bildstock aus Sedlešovice. Eine Spurensuche

Objektangaben

Titel: Spätgotischer Bildstock in Edelspitz/Sedlešovice

Urheber der Aufnahme: Bruno Reiffenstein (1869–1951)

Datierung der Aufnahme: ca. 1900–1908

Technik: Glasdiapositiv, s/w

Maße: ca. 9 x 9 cm

Provenienz: unbekannt

Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Diasammlung, Inv. Nr. GD 440/1a

 

Bildzeugnis eines wandernden Denkmals  

In einer Lade der Diasammlung des Instituts für Kunstgeschichte mit der Aufschrift „Österreichische spätgot. Kleinformen“ findet sich, neben zwei anderen, ein Glasdiapositiv, das einen spätgotischen Bildstock zeigt. Die handschriftliche Etikettierung „Gotisches Wegkreuz in “ lässt keinen Rückschluss auf den Aufnahmeort zu, ebenso wenig das Bildmotiv selbst: Gezeigt wird ein dreizoniger Tabernakelbildstock aus Stein auf einem gepflasterten, von niedrigen Mauern eingefassten Platz in Hanglage im Freien.

Der Bildstock ist stilanalytisch als Steinmetzarbeit um 1500 zu fassen. Ein blockhafter Sockel trägt einen feingliedrig gearbeiteten Schaft mit figurentragenden Säulen und annähernd vollplastischen Heiligenfiguren. Auf dem Schaft sitzt ein Tabernakelaufsatz mit Reliefplatten, bekrönt von einem baldachinartigen Kranzgesims mit Fialen, Krabbenwerk sowie einer Kreuzblume und einem filigranen Kreuz.

In der Institutssammlung finden sich zwei weitere Fotoabzüge,[1] von denen einer dem Diamotiv entspricht – jedoch mit vollständiger Bildbeschriftung. Die Aufnahme stammt von Bruno Reiffenstein (1868–1951)[2] und zeigt die sogenannte Pestsäule von Edelspitz (heute Sedlešovice, Tschechien), nahe der österreichischen Grenze bei Znojmo. Anton Vrbka schreibt das Denkmal in zwei Publikationen von 1911 und 1927 einem Schüler des Steinmetzen Niklas von Edelspitz zu.[3] Der Bildstock hat sich bis heute in seinem jüngeren Aufstellungskontext am ehemaligen Fuße des Hühnerbergs als Kriegerdenkmal erhalten, das am neuen Standort am 7. September 1924[4] geweiht wurde.[5] Davor stand er auf den Südhangterrassen des Kuhbergs nahe des Orts.[6] Dieser auf dem Glasdia dokumentierte frühere Standort lässt sich durch den zweiten Abzug der Institutssammlung, auf dem im Hintergrund das auf der anderen Seite der Thaya gelegene ehemalige Prämonstratenserklosters Klosterbruck[7] von Süden zu erkennen ist, genauer verorten.

Das Dia zeigt das spätmittelalterliche Steinwerk mit verrutschten Decksteinen der Umfassung und Substanzverlusten an Krabben und Fialen. Ein weiterer Abzug derselben Aufnahme befindet sich im Besitz des MAK[8]. Der Silbergelatineabzug wurde 1908 angekauft und setzt somit einen terminus ante quem für den Aufnahmezeitraum. Eine frühere Fotografie findet sich auf einer Ansichtskarte (Abb. 1) aus dem Wiener Verlag Carl Ledermann Jr. (aktiv 1897–1909).[9] Dort erscheint das Denkmal noch mit intakter Umfassungsmauer, was einen Entstehungszeitraum des Glasdiapositivs zwischen etwa 1900 und 1908 nahelegt.

Die Aufnahme ist Bruno Reiffenstein zuzuweisen, einem Wiener Fotografen und Verleger, der um 1900 ein Spezialatelier und einen Verlag[10] gründete und als einer der ersten großformatige Diapositive herstellte und vertrieb.[11] Das vorliegende Dia der Institutssammlung trägt keinen Firmenaufkleber,[12] sondern rückseitig ein institutseigenes Etikett.[13] Möglicherweise wurde das Dia also nicht über Reiffenstein bezogen, sondern im frühen 20. Jahrhundert am Institut hergestellt. Es wäre naheliegend, dass der genannte Fotoabzug aus der Sammlung als Vorlage für das Dia herangezogen wurde. Dieser trägt jedoch keine eindeutigen Reproduktionsspuren und der auf dem Abzug angebrachte Blindstempel Reiffensteins ist am Dia nicht erkennbar.

Technisch handelt es sich um eine sorgfältig komponierte Fotografie, die den Zustand und Standort im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts festhält. Sie ist damit sowohl ein bauhistorisch relevantes Zeugnis als auch eine wertvolle Grundlage für konservatorische Entscheidungen und restauratorische Konzepte. Darüber hinaus eignete sich das Dia – das das gesamte Steinwerk erfasst und durch das schräg einfallende Licht Details der Bauformen und des figürlichen Schmucks sichtbar macht – ideal für den Einsatz im Vortragswesen, lag doch der traditionelle methodische Fokus in der Lehrpraxis der kunsthistorischen (Mittelalter-)Forschung auf der visuellen Analyse und dem vergleichenden Beschreiben von Formen als zentralem Bestandteil von Stilanalyse sowie der Ikonografie.[14]

Was bleibt, ist ein vielschichtiges Dokument, das weit über die bloße Abbildung eines spätgotischen Kleindenkmals hinausweist. Als historische Bildquelle ist das Dia nicht nur eine Schnittstelle zwischen lokaler Erinnerungskultur, Denkmalpflege und Bauforschung, sondern fungiert zugleich als materieller Träger kunsthistorischer Praxis und Zeugnis der methodischen Entwicklung dieser. Damit gibt das unscheinbare Glasdiapositiv mit seiner unpräzisen und unvollständigen Betitelung mehr preis, als es zunächst vermuten lässt, und steht exemplarisch für das Forschungspotenzial vermeintlich marginaler Objekte innerhalb universitärer Fotosammlungen und Bildarchive.

(Johanna Zeilinger) 


[1] Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Fotosammlung, Inv. Nr. 182511 und 182512.

[2] Fröhlich / Fuchs / Gruber / Moll 2012, S. 44–45.

[3] Vbrka 1911, S. 10–12; Vbrka 1927, S. 103–104. Nach Vrbka sei die Bautätigkeit von Niklas von Edelspitz ca. 1440–1468 dokumentiert.

[4] Das Weihedatum wird auf der Website des Verschönerungsvereins der Stadt Znjomo (cs. Okrašlovací spolek ve Znojmě) erwähnt (20.06.2025) URL: https://www.okraspol.cz/pages/vyroci_vyznamna_od_2018.html.

[5] Vbrka 1927, S. 103–104; Ein in das Jahr 1939 datierte Aufnahme des Kriegerdenkmals findet sich als Digitalisat Bilddatei-Nr. fm139146 im Bildarchiv Foto Marburg (10.04.2025) URL: https://www.bildindex.de/document/obj20333817?part=0&medium=fm139146. Standort (30.07.2025) URL: https://www.google.com/maps/place/Památník+obětí+1.+světové+války/@48.836119,16.0530459,302m/data=!3m1!1e3!4m6!3m5!1s0x476d5575ef061141:0x7c34d7f3d1e3f17b!8m2!3d48.8361011!4d16.0532161!16s%2Fg%2F11px898ghm?entry=ttu&g_ep=EgoyMDI1MDQzMC4xIKXMDSoASAFQAw%3D%3D; Der Bildstock befindet sich laut Mgr. Martin Benda (amt. Vizebürgermeister der Gemeinde Nový Šaldorf – Sedlešovice) bis voraussichtlich 2026 in Restaurierung.

[6] Vbrka 1911, S. 10; Vbrka 1927, S. 103.

[7] Tschechisch Loucký klášter bzw. Klášter v Louce; Vbrka 1927, S. 102; Das Presbyterium sowie der Kreuzgang seien nachweislich der Bautätigkeit des Niklas von Edelspitz zuschreibbar. Mehr zur Klosteranlage siehe Bornemann 1990.

[8] MAK, Inv. Nr. BI 14872–253, Fotografie einer Pestsäule in Edelspitz bei Znaim, Bruno Reiffenstein, (31.07.2025) URL: https://sammlung.mak.at/de/collect/fotografie-einer-pestsaeule-in-edelspitz-bei-znaim_294269.

[9] Ponstingl 2023.

[10] Bennogasse 24, Wien 1080.

[11] Fröhlich/Fuchs/Gruber/Moll 2012, S. 44–45.

[12] Blaue Firmenaufkleber für die Produktionsjahre um 1910 sind u. a. auf Digitalisaten von Diapositiven des Dorotheums abgebildet; (31.07.2025) URL: https://www.dorotheum.com/de/l/1374202/; https://www.dorotheum.com/de/l/1374214/.

[13] Rosa Aufkleber mit der Aufschrift „Universität Wien, kunsthistorisches Seminar“.

[14] Seippel 1998, S. 19–32.

 

Literatur:

Bornemann 1990

Hellmut Bornemann, 800 Jahre Stift Klosterbruck (1190–1990), Geislingen/Steige 1990.

Fröhlich/Fuchs/Gruber/Moll 2012

Werner Fröhlich/Caroline Fuchs/Elisabeth Gruber/Friedel Moll, Frühe Zwettler Fotografen (Zwettler Zeitzeichen, 14), Zwettl 2012.

Ponstingl 2023
Michael Ponstingl, Von der Fotografie zur Ansichtskarte. Die Fotografien von Victor Angerer im Verlag Ledermann, in: Wien Museum Magazin, 2023 (26.05.2023), URL: https://magazin.wienmuseum.at/die-fotografien-von-victor-angerer-im-verlag-ledermann?utm.

Seippel 1989
Ralf-Peter Seippel, Architektur und Interpretation, Methoden und Ansätze der Kunstgeschichte in ihrer Bedeutung für die Architekturinterpretation, hg. von Kunibert Bering, Essen 1989.

Vrbka 1911
Anton Vrbka, Der Steinsetzmeister Niklas von Edelspitz und seine Bautätigkeit in Znaim und Umgebung von 1440 bis 1498. Kulturgeschichtliche Studie, Brünn/Brno 1911.

Vrbka 1927

Anton Vrbka, Gedenkbuch der Stadt Znaim 1226–1926. Kulturhistorische Bilder aus dieser Zeit, Nikolsburg/Mikulov 1927.

Abb. 1 Postkarte, „Pestmarterl. Gruß aus Edlspitz bei Klosterbruck.“, C. Ledermann Jr., 1010 Wien Fleischmarkt 12, Nr. 1460, vmtl. 1897-1909.

Quelle: www.saldorf-sedlesovice.cz/obec/informace-o-obci-1/.