Objektangaben
Titel: Die Fontaine du Progrès auf der Pariser Weltausstellung 1889
Urheber der Aufnahme: Frères Neurdein
Datierung der Aufnahme: 1889
Technik: s/w Fotografie, Albuminabzug
Maße: 21,9 x 28 cm
Provenienz: unbekannt
Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Fotosammlung, Inv. Nr. 177659
Die Fontaine du Progrès: Fotografie und Erinnerung an die Weltausstellung 1889
Diese historische Aufnahme der Brüder Neurdein zeigt den monumentalen Brunnen Fontaine du Progrès von Jules-Félix Coutan (1848–1939). Das Werk entstand im Rahmen der Pariser Weltausstellung, die 1889 anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Französischen Revolution stattfand. Sie präsentierte technische Innovationen, demonstrierte koloniale Macht und inszenierte vielfältige Schauwelten. Die Brunnenanlage von Coutan befand sich im Zentrum des Ausstellungsgeländes auf dem Marsfeld (Champs de Mars). Eine geflügelte Frauenfigur thronte mit erhobener Fackel auf einem Schiff und verkörperte Frankreich in allegorischer Gestalt. Um sie herum gruppierten sich Darstellungen der Wissenschaft, Industrie, Landwirtschaft und Kunst und dienten als Sinnbild des Fortschritts (Progrès). Eine komplexe Wassermechanik mit rund 500 Litern Wasser pro Sekunde und farbiger elektrischer Beleuchtung verband eindrucksvoll Technik mit Symbolik und Kunst.
Die Fotografie inszeniert den Brunnen in rückwärtiger Ansicht aus leicht erhöhter Position. Im Hintergrund rahmt der neu errichtete Eiffelturm das Palais du Trocadéro, das für die Weltausstellung von 1878 auf der gegenüberliegenden Seite der Seine erbaut worden war. Die Figuren des Brunnens erscheinen mit dynamischen Gesten und flatternden Tüchern besonders bewegt. Die feinen Fontänen wirken fast wie eingefroren im Moment, ein Paradox der fotografischen Technik. Der Blick von hinten auf die Fontaine eröffnet räumliche Tiefe und macht die monumentale Architektur sowie die eindrucksvolle Inszenierung der Ausstellung erfahrbar. Insgesamt ist es eine repräsentative, sorgfältig komponierte Ansicht mit großer Tiefenschärfe. Bewusst geplant, war sie wohl bereits in ihrer Entstehung auf ein dauerhaftes Konservieren eines flüchtigen Moments hin ausgerichtet. Mit Ausnahme des Eiffelturms sind die meisten Konstruktionen der Weltausstellung nicht erhalten geblieben. Somit übernimmt die fotografische Überlieferung eine zentrale Rolle und wird selbst zum historischen Medium.
Die Brüder Étienne (1832–1918) und Louis-Antonin (1846–1914) Neurdein gehörten im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts mit ihrer Firma Neurdein Frères zu den bedeutendsten kommerziellen Fotounternehmern. Während Étienne die Leitung des Ateliers übernahm und Porträts in Paris anfertigte, dokumentierte Louis-Antonin auf seinen Reisen architektonische und landschaftliche Motive. Ihre Aufnahmen wurden als Albuminabzüge und Postkarten verbreitet, später auch für Buchpublikationen verwendet. Die Brüder waren an der Archivierung historischer Monumente beteiligt und wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem bei den Weltausstellungen von 1889 und 1900. Heute weitgehend vergessen, werden sie im Kontext der Debatten über ihre ‚orientalisierenden‘ Frauendarstellungen wieder verstärkt wahrgenommen.[1]
Die Neurdein-Fotografie ist Teil einer bewussten Erinnerungsstrategie, die ein idealisiertes Bild Frankreichs als moderne Nation im Jahr 1889 vermittelt. Zwar ersetzt sie das Kunstwerk nicht, doch sie bewahrt dessen Idee, Gestalt und Kontext und macht sie langfristig verfügbar.
(Alina Richter)
[1] Rosenthal 2008, S. 991.
Literatur:
Krutisch 2001
Petra Krutisch, Aus aller Herren Länder. Weltausstellungen seit 1851 (Kulturgeschichtliche Spaziergänge im Germanischen Nationalmuseum 4), Nürnberg 2001.
Monod 1890
Émile Monod (Hg.), L'Exposition Universelle de 1889. Grand ouvrage illustré, historique, encyclopédique, descriptif (Band 1), Paris 1890.
Rosenthal 2008
Donald Rosenthal, Neurdein Frères, in: Encyclopedia of Nineteenth-Century Photography 2, hrsg. von John Hannavy, New York 2008, S. 991–992.
