Objektangaben:
Titel: Gästehaus Auersperg-Hériot, Ansicht von Osten
Urheber der Fotografie: Walter Pfitzner
Datierung der Aufnahme: um 1933
Technik: S/W Fotografie auf Karton
Maße: 14 x 9 cm
Provenienz: unbekannt
Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Fotosammlung, Inv. Nr.151630
Das Gästehaus Auersperg-Hériot
Auf dem kleinformatigen Foto von Walter Pfitzner[1], das sich in einem Konvolut von 14 Aufnahmen des Gästehauses Auersperg-Hériot im Fotoarchiv des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Wien befindet, sieht man eine modernistische zweigeschossige Villa mit ausladenden Terrassen und Flachdach. Auch wenn es die hier abgelichtete Gartenfassade, die auf der Fotografie schwebend und transparent erscheint, nicht vermuten lässt, handelt es sich um ein voluminöses Bauwerk mit einer Breite von 30 und einer Tiefe von über 9 Metern,[2] konkret um das „Gästehaus“ des Ehepaars Auersperg Hériot. Das größere Wohn- und Hauptgebäude wurde 1906 nach einem Entwurf von Oskar Laske auf dem gleichen Grundstück straßenseitig errichtet und 1931 von Fritz Reichl umgebaut.[3] Beauftragt wurde der Umbau in der Wiener Rustenschacherallee 30, im sogenannten Pratercottage, von Hildegard von Auersperg (1895–1981), aus dem gleichnamigen österreichischen Adelsgeschlecht, und ihrem Ehemann Auguste-Olympe Hériot (1886–1951), der einer wohlhabenden französischen Kaufhausfamilie entstammte.[4] Sein Vermögen ermöglichte ihm einen Lebensstil ohne Sorgen. Er trat als exzentrischer Snob auf, sammelte Kunstwerke und interessierte sich für die neue Baukunst. Der sportsman war weltweit einer der besten Säbel- und Degenfechter, Amateurboxer und Polospieler. Seine Sportbegeisterung war wohl ein Grund, sich in Praternähe anzusiedeln.[5]
1933 entstand zudem das Gästehaus. Den Bauauftrag erhielt die Ateliergemeinschaft Dicker & Singer. Franz Singer (1896–1954) und Friedl Dicker-Brandeis (1898–1944) studierten gemeinsam am Bauhaus Weimar, wo beide die Bühnenwerkstatt besuchten. Anschließend gründeten sie 1923 die „Werkstätten Bildender Kunst“ in Berlin[6] und kehrten 1925 nach Wien zurück, um die Architekturgemeinschaft zu eröffnen.[7]
Das Gästehaus wurde auf ein bestehendes einstöckiges Wirtschaftsgebäude aufgesetzt. Der auf allen Seiten über den Bestand vorkragende 1. Stock wurde als Stahlskelettbau ausgeführt.[8] Im umgestalteten Parterregeschoss befanden sich Garage, Chauffeurwohnung, Dienerzimmer und Käfige für die Haustiere (Leopard, Papagei und Hunde).[9] Unter der viertelrunden Terrasse war ein wettergeschützter Autowaschplatz Der über eine halbkreisförmige Freitreppe erreichbare Dachgarten war mit einem überdachten Sitzplatz und einem Fechtboden ausgestattet (Abb. 1).[10]
Für die Gäste standen im 1. Stock zwei Appartements zur Verfügung, die sich jeweils aus einem Wohn-/Schlafraum mit wandelbaren Möbeln, einem separaten Vorraum, Ankleide- und Dienerzimmer, sowie einem WC zusammensetzten. Wandelbare Möbel, wie etwa die Doppelbetten, die unter ein Podium geschoben werden konnten, waren typisch für die Ateliergemeinschaft. Diese gestaltete das Gästehaus als ein Gesamtkunstwerk, indem sie jedes Möbelstück, alle Beleuchtungskörper und selbst Details wie die Türschnallen entwarf.[11]
Der Bau diente nicht nur der Unterbringung von Gästen, sondern auch der Repräsentation der Auftraggeber. Die in der Höhe gestaffelten Terrassen können sowohl als Bühnenbild als auch Bühne für Gastgeber, Gäste und Besucher von Gartenfesten betrachtet werden,[12] wie z.B. bei der Soiree, die im lampiongeschmückten Garten im Juli 1935 gegeben wurde.[13] Die Verbindung von Gästehaus und Garten war ein wichtiges Gestaltungselement. Auf allen Ebenen gab es Blumentröge und zur Gänze in Glas aufgelöste Ecken. Zudem ermöglichten die versenkbaren Fenster eine Öffnung zum Garten. Der runde verglaste Lift mit umführender Wendeltreppe war ein luxuriöser Blickfang.[14]
Auguste Hériot erkrankte und war ab 1937 nicht mehr in Wien gemeldet. Hildegard Auersperg emigrierte 1938 in die USA.[15] In den 50er-Jahren stand das im Krieg zerstörte Gebäude noch,[16] 1962 wurde es abgerissen.[17] Die architektonische Einzigartigkeit wurde damals nicht erkannt wodurch ein Baujuwel verloren ging. Durch die Fotografien und Pläne bleibt es jedoch in Erinnerung.
(Kurt Rudersdorfer)
[1] Im Bauhaus-Archiv Berlin befinden sich von dieser Aufnahme zwei Silbergelatineabzüge auf Barytpapier (8,7 x 12 cm, Inv. Nr.: 7898/172 Obj. ID: 121157 und 15,7 x 23,7 cm, Inv. Nr.: 7898/173 Obj. ID: 121196). Auf beiden befindet sich auf der Rückseite der Stempel „FRANZ SINGER WIEN VI Schadekgasse 18, Atelier“, auf dem größeren der handschriftliche Vermerk „Foto: Pfitzner – Haus“. Dabei handelt es sich um den Fotografen Walter Pfitzner und Leo Haus, der die Fotos entwickelte (vgl. Höevelmann 2021, S. 155). Der Abzug des Instituts für Kunstgeschichte ist im Vergleich zu jenen im Bauhaus-Archiv eine in der Höhe beschnittene und retuschierte Version. So wurde z. B. der Schatten eines Baumes entfernt. Von den 14 Fotografien des Gästehauses im Bestand des Instituts befinden sich 13 auch im Bauhaus-Archiv Berlin.
[2] Hövelmann 2022, S. 329.
[3] Hövelmann 2022, S. 359.
[4] Hövelmann 2021, S. 380.
[5] Sandgruber, 2023, S. 181ff.
[6] Hövelmann, 2021, S. 92.
[7] Hövelmann, 2021, S. 119.
[8] Kat. Ausst. Heiligenkreuzerhof, 1988, S. 84.
[9] Kat. Ausst. Heiligenkreuzerhof 1988, S. 84.
[10] Kat. Ausst. Heiligenkreuzerhof 1988, S. 86.
[11] Kat. Ausst. Heiligenkreuzerhof 1988, S. 86.
[12] Nierhaus 2022, S. 113.
[13] Neues Wiener Journal, 9.7.1935 s 9.
[14] Nierhaus 2022, S. 113.
[15] Sandgruber 2023, S 196.
[16] Achleitner 1988, S. 6.
[17] Kat. Ausst. Heiligenkreuzerhof 1988, S. 87.
Literatur:
Achleitner 1988
Friedrich Achleitner, …, sondern der Zukunft, in: Hochschule für Angewandte Kunst (Hg.), Franz Singer, Friedl Dicker (Kat. Ausst., Heiligenkreuzerhof. Hochschule für Angewandte Kunst, Wien 1988/1989), Wien 1988.
Hövelmann 2021
Katharina Hövelmann, Bauhaus in Wien? Möbeldesign, Innenraumgestaltung und Architektur der Wiener Ateliergemeinschaft von Friedl Dicker und Franz Singer, Wien 2021.
Hövelmann 2022
Katharina Hövelmann, Werkverzeichnis der Raumgestaltungen. Bauten und Theaterarbeiten, in: Katharina Hövelmann/Andreas Nierhaus/Georg Schrom (Hg.), Atelier Bauhaus, Wien Friedl Dicker und Franz Singer (Kat. Ausst., Wien Museum MUSA, Wien 2022/2023), Wien 2022, S. 131–420.
Kat. Ausst. Heiligenkreuzerhof 1988
Franz Singer, Friedl Dicker (Kat. Ausst., Heiligenkreuzerhof, Hochschule für angewandte Kunst, Wien 1988/1989), Wien 1988.
Neues Wiener Journal 1935
Tagesneuigkeiten, in: Neues Wiener Journal, 9.7.1935, S. 9.
Nierhaus 2022
Andreas Nierhaus, Mit dem Raum spielen. Bauten des Ateliers Franz Singer, in: Katharina Hövelmann/Andreas Nierhaus/Georg Schrom (Hg.), Atelier Bauhaus, Wien Friedl Dicker und Franz Singer (Kat. Ausst., Wien Museum MUSA, Wien 2022/2023), Wien 1922, S. 109–117.
Sandgruber 2023
Roman Sandgruber, Pretty Kitty und die Frauen der Rothschilds, Wien 2023.
