INSIGHTS#17

Schloss Greinburg - wie die Farbe ins Bild kommt

Objektangaben:

Titel: Grein, Blick zum Schloss Greinburg

Urheber*in der Aufnahme: unbekannt

Datierung der Aufnahme: um 1925

Technik: Glasdiapositiv, handkoloriert

Maße: 9,8 x 8,4 cm

Provenienz: unbekannt

Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Diasammlung, Inv. Nr. 127

 

Ein handkoloriertes Glasdiapositiv

Das fotografische Kunstwerk Grein, Blick zum Schloss Greinburg ist ein nachkoloriertes Großdiapositiv, das unter der Inventarnummer 127 in der Diasammlung des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Wien verzeichnet ist. Es befindet sich in einer Holzschachtel mit der irreführenden Aufschrift „Altchristliche Kunst, Ravenna, Rom, Architektur u. Plastik“und weist keinerlei Hinweise zur Datierung oder Urheberschaft auf.

Die Aufnahme zeigt Schloss Greinburg in Oberösterreich, das zwischen 1488 und 1493 erbaut wurde und heute als das älteste Wohnschloss Österreichs gilt.[1] Im Gegensatz zu den meisten Dias der Sammlung, die sich auf architektonische oder künstlerische Details konzentrieren, richtet sich der Fokus dieses Bildes nicht primär auf das Schloss selbst, sondern auf die umgebende Landschaft, in die die Architektur eingebettet ist. Im Vordergrund ist rechts ein Baum zu erkennen, links ein Gebäudedach. Im Mittelgrund, hinter zahlreichen Bäumen, sind die Dächer der Stadt Grein sichtbar. Zentral im Bild erheben sich die Stadtpfarrkirche St. Ägidius sowie, dahinter gelegen, das Schloss Greinburg.

Das Glasdia trägt neben dem Titel „Greinburg“ und der Inventarnummer keine weiteren Beschriftungen. Es wurde partiell nachkoloriert: Im Vordergrund verläuft eine grüne Graslinie, links ist ein orangefarbenes Dach zu sehen. Im Hintergrund wurden weitere Dächer, darunter jene eines Wohnhauses sowie die Dächer der Kirche und des Schlosses, nachkoloriert. Die Baumkronen sind nur leicht grün getönt.

In mehrfacher Hinsicht stellt dieses Dia eine Besonderheit innerhalb der Sammlung dar. Nicht nur der Fokus auf die landschaftliche Umgebung ist bemerkenswert, auch hinsichtlich der Technik weicht das Dia vom übrigen Bestand ab: Insgesamt sind nur 35 großformatige, nachkolorierte Glasdias (inkl. jenem von Grein) bislang digitalisiert worden. 34 davon zeigen Motive aus Österreich, eines zeigt die Lagune von Lagos. Alle befinden sich in derselben Holzschachtel. Auf den österreichischen Ansichten sind Landschaften, häufig mit Schlössern oder Burgen, zu sehen. Aufgrund stilistischer und technischer Übereinstimmungen liegt die Vermutung nahe, dass sie von derselben Person oder demselben Fotoatelier aufgenommen wurden.

Glasdias fanden seit Anfang des 20. Jahrhunderts breite Anwendung in der kunsthistorischen Lehre.[2] Ab 1904 entwickelten die Brüder Lumière farbige Glaspositive, die ab 1907 kommerziell erhältlich und mit Plattenkameras verwendbar waren.[3] Diese machten die Nachkolorierung zwar obsolet, waren jedoch teuer und selten. Farbfilme kamen erst ab 1927 auf.[4] Vor diesem Hintergrund ist anzunehmen, dass das vorliegende Dia nicht viel später als Ende der 1920er-Jahre entstanden ist. Ein weiteres Dia könnte zur Datierung beitragen, sofern man annimmt, dass die großformatigen, nachkolorierten österreichischen Dias aus derselben Quelle stammen. Das Großdia Riegersburg (Abb. 1) zeigt zwei Personen vor einem Burgtor. Eine davon trägt kurz geschnittenes Haar und historisch weiblich konnotierte Kleidung. In einem Artikel der Illustrierten Kronen-Zeitung vom August 1923 wird diese Frisur als „revolutionär“ bezeichnet: „Lange Zeit hat sich Wien den kurzen Haaren widersetzt, bis es dieser neuesten Mädchenfrisur rettungslos verfallen ist“.[5] Da das Bild nicht in der Hauptstadt, sondern vor der Riegersburg in der Steiermark aufgenommen wurde, ist anzunehmen, dass es nicht vor 1923 entstand. Unter dieser Annahme könnte auch das Grein-Dia in die Mitte oder Ende der 1920er-Jahre datiert werden. Aufgrund der Vegetation muss die Aufnahme wohl im Frühling oder Sommer entstanden sein. 

Die Technik der Nachkolorierung bei Glasdias stellt eine eigene Form visueller Interpretation dar. Durch sie entsteht eine neue Bildrealität, in der gezielt visuelle Akzente gesetzt werden – sei es zu didaktischen oder ästhetischen Zwecken. 
Das Großdia Grein, Blick zum Schloss Greinburg zählt zu den ungewöhnlichsten großformatigen, nachkolorierten Glasdias in der Sammlung des Instituts für Kunstgeschichte. Es diente vermutlich nie primär akademischen Zwecken,[6] sondern dokumentiert auf eigentümliche Weise eine vergangene Welt in Farbe.

(Elias Strebkov)


[1] Vgl. dazu die Homepage des Schlosses (letzter Abruf 05.08.2025) URL: https://www.schloss-greinburg.at/schloss-greinburg/

[2] Leighton 1984, S. 108.

[3] Vgl. Thomas 2020. Zum Thema Farbfotografie siehe: Penichon 2013.

[4] Leighton S. 113.

[5] Illustrierten Kronen-Zeitung, August 1923, zitiert nach: Breuss 2024.

[6] Zu den Vorbehalten des Faches Kunstgeschichte gegenüber Farbreproduktionen siehe etwa Wagner 2022.

 

Literatur

Breuss 2024
Susanne Breuss, Ganz schön revolutionär – der Bubikopf, in: Wien Museum Magazin, 1.3.2024, (letzter Abruf 05.08.2025) URL: https://magazin.wienmuseum.at/ganz-schoen-revolutionaer-der-bubikopf

Leighton 1984
Howard B. Leighton, The lantern slide and art history, in: History of Photography, 8, 2, 1984, S. 107–118, DOI: 10.1080/03087298.1984.10442204

Penichon 2013
Sylvie Penichon, Twentieth Century Colour Photographs. The Complete Guide to Processes, Identification & Preservation, London 2013

Thomas 2020
Ann Thomas, The Lumière Brothers. The World in Colour, in: National Gallery of Canada Magazine, 31, 2020, (letzter Abruf 05.08.2025) URL: https://www.gallery.ca/magazine/your-collection/the-lumiere-brothers-the-world-in-colour

Wagner 2022
Monika Wagner, Kunstgeschichte in Schwarz-Weiß, Göttingen 2022

Abb. 1: Unbek. Fotograf*in, Ein Tor der Riegersburg (Steiermark), handkoloriertes Glasdia, um 1925, Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Diasammlung, Inv. Nr. 266.