INSIGHTS#14

Klosterneuburg vor 1882 – Von dem Wunsch nach Stilreinheit

Objektangaben:

Titel: Klosterneuburg, Stiftskirche Blick auf die Westfassade

Urheber*in der Fotografie: unbekannt

Datierung der Aufnahme: vor 1882

Technik: S/W Fotografie auf Karton

Maße: 18 x 23,8 cm

Provenienz: unbekannt

Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Fotosammlung, Inv. Nr. 183223

 

Gewachsener Bauzustand vs. Stilreinheit – Eine Fotografie als Dokument der Restaurierungsgeschichte der Stiftskirche Klosterneuburg

Die Gründung des Stifts Klosterneuburg geht auf den Markgrafen Leopold III. zurück, der im 12. Jahrhundert seine Residenz nach Klosterneuburg verlegte.[1] Die Stiftskirche wurde 1136 geweiht und im Laufe der Jahrhunderte vielfach umgebaut. Die romanischen Ursprünge wurden durch gotische, barocke und im 19. Jahrhundert durch neoromanische und neugotische Eingriffe überlagert. Besonders tiefgreifend waren die Restaurierungen unter Friedrich von Schmidt und Martin Schömer, die ab 1882 das Erscheinungsbild der Westfassade radikal veränderten.[2] Die Fotografie des Instituts für Kunstgeschichte dokumentiert den Zustand der Kirche vor Beginn dieser Maßnahmen. Während andere historische Aufnahmen das Bauwerk meist aus dem Süden oder in größerer Distanz zeigen, handelt es sich hier um die einzige bekannte frontal aufgenommene Ansicht der Westfassade vor dem Umbau.
Die genaue Entstehungszeit der Aufnahme lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Zwar fehlen jegliche Hinweise auf eine*n Urheber*in, doch liefert ein Fund im Stiftsarchiv Klosterneuburg wichtige Indizien. Dort konnten drei, in Sättigung und Tönung variierende Abzüge aufgefunden werden (Abb. 1),[3] ein möglicher Hinweis darauf, dass sich die originale Glasplatte im Besitz des Stifts befand.

Bei dem Foto-Objekt aus der Sammlung des Wiener Instituts für Kunstgeschichte handelt es sich nicht um einen Vintage Print, also einen weiteren Abzug von der Glasplatte, sondern scheinbar um eine fotografische Reproduktion nach einem der Abzüge. Ein Stempel auf der Vorder- und Rückseite des Kartons, auf den das Foto montiert ist, belegt, dass der Abzug spätestens im Zeitraum 1920–1933 in die Sammlung gelangte.
Die einzige bislang bekannte Publikation, in der die besprochene Ansicht tatsächlich abgebildet ist, stammt von Rudolf Pühringer aus dem Jahr 1931.[4] Doch schon zuvor befassten sich Professor*innen des Wiener Instituts mit der Stiftskirche und ihrer Restaurierungsgeschichte, was sich exemplarisch an Max Dvořák zeigen lässt. Dvořák, ab 1909 Ordinarius am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien,[5] bildete in seinem 1918 erschienenen Katechismus der Denkmalpflege zwar nicht die hier behandelte Fotografie ab, jedoch andere historische Aufnahmen, die ebenfalls in der Fotothek des Instituts vorhanden sind. Ein indirekter Hinweis darauf, dass auch die hier besprochene Aufnahme am Institut bekannt war, findet sich bei Renate Wagner-Rieger, welche ab 1971 als ordentliche Professorin am Institut für Kunstgeschichte lehrte.[6] In ihrer 1963 publizierten Baugeschichte der Stiftskirche von Klosterneuburg nutzte sie das Bild zwar nicht selbst, verwies jedoch ausdrücklich auf Pühringers Veröffentlichung, und damit auch auf die genannte Fotografie.[7] Die hier behandelte Aufnahme, die bislang nur wenig Beachtung fand, stellt als einzige bekannte Frontalansicht der Westfassade vor dem Umbau eine bedeutende visuelle Quelle dar. Ihr dokumentarischer Wert liegt nicht nur in ihrer Seltenheit, sondern auch in der Möglichkeit, baugeschichtliche Details nachzuvollziehen, die durch die Restaurierungsmaßnahmen des späten 19. Jahrhunderts verlorengegangen sind.

(Maria Mathilde Linecker)


[1] Scheibelreiter 2010, S. 15.

[2] Potucek 2013, S. 12–30.

[3] Stiftsarchiv Klosterneuburg, Inv. Nr.: Pz 1058a; Pz 1058b; Pz 1058c.

[4] Pühringer 1931, Taf. XXXI.

[5] Crockett/Sorense (Dictionary of Art Historians).

[6] Schemper-Sparholz 2020, S. 3.

[7] Wagner-Rieger 1963, S. 140.

 

Literatur:

Crockett/Sorensen
Emily Crockett/Lee Sorensen, Dvořák, Max, in: Dictionary of Art Historians (17.07.2025), URL: https://arthistorians.info/dvorakm/

Dvořák 1918
Max Dvořák, Katechismus der Denkmalpflege, Wien 1918.

Potucek 2013
Alexander W. Potucek, Studien zur künstlerischen Neuinterpretation der Klosterneuburger Stiftskirche „Maria Geburt“ durch Friedrich von Schmidt und Josef Schömer, Diplomarbeit (unpubl.), Universität Wien 2013.

Pühringer 1931
Rudolf, Pühringer, Denkmäler der früh- und hochromanischen Baukunst in Österreich, Wien 1931.

Scheibelreiter 2010
Gerog Scheibelreiter, Die Babenberger. Reichsfürsten und Landesherren, Wien/Köln/Weimar 2010.

Schemper-Sparholz 2020
Ingeborg Schemper-Sparholz, Renate Wagner-Rieger (1921–1980). Universitätsprofessorin, Historismusforscherin und Vorkämpferin für den Erhalt des Wiener Stadtbildes, in: VöKK, Journal des Verbandes österreichischer Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, 4, 2020, S. 3–5.

Wagner-Rieger 1963
Renate Wagner-Rieger, Zur Baugeschichte der Stiftskirche von Klosterneuburg, in: Jahrbuch des Stiftes Klosterneuburg. Neue Folge. Band 3, Klosterneuburg 1963, S. 137–179.

Abb. 1: Drei Abzüge nach einer Aufnahme der Stiftskirche vor 1882, Stiftsarchiv Klosterneuburg. (Foto: Maria Mathilde Linecker 2025)