Objektangaben:
Titel: Bronze-Reliefplatte aus Benin (Nigeria): Portugiese mit Armbrust und Vogel
Urheber*in der Aufnahme: unbekannt
Datierung der Aufnahme: vor 1919
Technik: Glasdiapositiv, s/w
Maße: ca. 9 x 9 cm
Provenienz: unbekannt (vermutlich I. Institut für Kunstgeschichte von Josef Strzygowski)
Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Diasammlung, Inv. Nr. GD 433C/15
Ein Bronzerelief aus Benin: kunsthistorische Forschung vor kolonialem Hintergrund
Dieses Objekt ist Teil einer Bestandsgruppe der Diasammlung des Instituts für Kunstgeschichte, die unter der Kategorie „Naturvölker“ archiviert wurde.[1] Allein eine solche Kategorisierung lässt auf dezidiert kolonialpolitische Vorstellungen von Kultur und Zivilisation zur Zeit ihrer Entstehung schließen. Die Kombination ebendieser Kategorisierung mit Aspekten wie Bildinhalt und Sammlungskontext machen das gezeigte Objekt zu einem spannenden, sowie äußerst aufschlussreichen Beispiel für die visuelle, wie materielle Repräsentation außereuropäischer Kulturen im kunsthistorischen Diskurs des frühen 20. Jahrhunderts.
Auf dem Dia ist ein Relief gezeigt, das zu den sogenannten 'Benin-Bronzen' gehört. Darunter werden gegossene und/oder gravierte Metallobjekte verstanden, die im ehemaligen Königreich Benin (im heutigen Nigeria) zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert produziert wurden und vor allem zur ästhetischen, sowie repräsentativen Ausschmückung höflicher Räumlichkeiten dienten.
Die Fotografie zeigt ein Halbrelief in Nahaufnahme. Somit sind anhand dieser Bilddokumentation selbst kaum Informationen zur räumlichen Verortung oder zum ursprünglichen Präsentationskontext ersichtlich. Es ist jedoch klar zu erkennen, dass Teile der Reliefplatte, vor allem die Ecken der linken Seite, stark beschädigt sind. Abgebildet ist eine Figur in europäischer Kleidung, die vor einem mit intrikaten Blumenmustern versehenen Hintergrund positioniert ist. Die Rüstung, welche neben einem Helm auch eine Armbrust und einen Taillengurt mit Werkzeug beinhaltet, ist ähnlich detailreich wie der Hintergrund ausgeformt. In der Forschung wird diese Figur häufig als 'Portugiese' bezeichnet. Eine solche Darstellung verweist auf frühe Handelskontakte zwischen dem Königreich Benin und portugiesischen Händlern im 16. Jahrhundert und ist Teil einer ikonografischen Tradition, in der europäische Figuren als soziopolitische und ökonomische Machtverweise integriert wurden.
Das Bronzerelief stammt aus der bedeutenden Sammlung, die der österreichisch-deutsche Anthropologe und Kolonialbeamte Felix von Luschan im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert am Berliner Museum für Völkerkunde zusammengetragen hat (Abb. 1).[2] Nach der gewaltsamen Plünderung, die im Zuge einer britischen Strafexpedition im Jahr 1897 stattgefunden hat, wurden tausende Kunstwerke, darunter Bronzen, Elfenbeinschnitzereien und zeremonielle Gegenstände, aus den kulturellen Zentren Benins geraubt. Ein maßgeblicher Teil dieser Objekte gelangte infolgedessen durch Auktionen und Ankäufe an europäische Museen, Händler*innen und Sammler*innen. Luschan etablierte bald eine der umfangreichsten Sammlungen und schrieb der Produktion und Machart von Benin-Bronzen dabei ein hohes Maß an Virtuosität zu. Dies geschah jedoch im Kontrast zu einer Geringschätzungen der Kunst anderer afrikanischer Regionen und ohne die kolonialen Machtverhältnisse, auf der die Aneignung der Objekte basierte, in Frage zu stellen.
Der Bestand der Universität Wien, aus dem das Dia stammt, lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Schaffen Josef Strzygowskis zuordnen. Strzygowski war ab 1909 Professor für Kunstgeschichte an der Universität Wien und gilt als einflussreicher, zugleich aber stark umstrittener Vertreter eines erweiterten, global gedachten Kunstbegriffs. Strzygowski wandte sich explizit gegen den klassischen Kanon der Wiener Schule und betonte vehement die Bedeutung von Kunsttraditionen außerhalb Europas. In dieser Argumentation fokussierte er insbesondere auf Regionen Westasiens, West- und Nordafrikas. Dennoch war sein Ansatz keineswegs frei von zutiefst problematischen Denkfiguren: Strzygowskis Theorie der ‚nordischen‘ Kunstentwicklung bediente sich völkischer Zuschreibungen und trug zur Etablierung rassistisch motivierter Kulturhierarchien bei, die später auch in hohem Maße in nationalsozialistische Leitvorstellungen einflossen.
Die Fotografie des Reliefs selbst fungiert hier sehr effektiv als ein historisches Dokument der wissenschaftlichen Visualisierungspraxis. Sie vermittelt nicht nur ein bestimmtes Objekt, sondern auch eine bestimmte Sichtweise. Es handelt sich um eine fotografisch fixierte Interpretation, die eng mit den epistemischen und politischen Ordnungen ihrer Zeit verknüpft ist. Demzufolge steht das Dia exemplarisch für eine kunsthistorische Perspektive, die außereuropäische Objekte als stilistisch oder formal interessante Vergleichswerte heranzog, ohne aber ihre kulturelle, religiöse oder politische Bedeutung annähernd in ihrer Gänze oder in ihrem ursprünglichen Kontext zu reflektieren.
(Klarissa Katschnig)
[1] Die Lade, in der sich das Objekt befindet, ist mit „Naturvölker u. Alt-Amerika“ beschriftet, die Unterabteilung mit „P.K. Afrika / Benin“, das Dia selbst mit „Benin, Bronzerelief, Europäer“.
[2] Noch heute wird das Relief in Berlin verwahrt (Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum, Inv. Nr. III C 8352), befindet sich aber seit seiner Restitution 2022 im Eigentum der National Commission for Museums and Monuments der Bundesrepublik Nigeria.
Literatur
Castelucci/Leonte/Mader-Huemer 2023
Clelia Castellucci/Sarah Leonte/Veronika Mader-Huemer, Die Fotosammlung von Felix von Luschan. Aufarbeitung und Digitalisierung des Fotografiebestandes in der Ethnographischen Sammlung des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien, Wien 2023.
Habermas 2017
Rebekka Habermas, Benin Bronzen im Kaiserreich – oder warum koloniale Objekte so viel Ärger machen, in: Historische Anthropologie, 3, 2017, S. 327–352.
Polleroß 2021
Friedrich Polleroß, Josef Strzygowski. Seine Teil-Nachlässe sowie seine Schüler und Schülerinnen zwischen Zionismus und Nationalsozialismus, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Vergleichende Kunstforschung in Wien, 73, 3, 2021, S. 1–22.
Vasold 2007
Georg Vasold, Riegl, Strzygowski und die Entwicklung der Kunst, in: Towards a Science of Art History. JJ. Tikkanen and Art Historical Scholarships in Europe and The Shaping of Art History in Finland, Helsinki 2007, S.103–113.
