Objektangaben:
Titel: Antonio Canovas Büste des Napoleon Franz, König von Rom
Urheber*in der Aufnahme: unbekannt
Datierung der Aufnahme: vor 1912
Technik: Schwarz-Weiß-Fotografie auf Karton
Maße: 19 x 14 cm
Provenienz: unbekannt
Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Fotosammlung, Inv. Nr. 177982
Weiße Striche – Eine Fotografie als Gebrauchsgegenstand
Bei der Betrachtung dieser Fotografie einer Büste des jungen Napoleon Franz fällt eines sofort ins Auge: Mitten im Bild sind seltsame weiße Markierungen aufgemalt. Das legt den Schluss nahe, dass dieser Abzug einem konkreten Zweck diente. Die weißen Striche, die einen klar definierten Ausschnitt markieren, deuten darauf hin, dass er als Druckvorlage verwendet wurde.
Reproduktionen von Originalkunstwerken spielen in der kunstwissenschaftlichen Lehre und Forschung eine große Rolle. Schon immer wurden im Kunstdiskurs Bilder genutzt; zunächst Zeichnungen und Druckgrafiken, später Fotografien und Diapositive. Besonders die Erfindung der Fotografie bedeutete einen entscheidenden Schritt für das Fach Kunstgeschichte, denn sie ermöglichte objektivere Reproduktionen von Kunstwerken und somit Vergleiche, die exaktere Forschungsergebnisse lieferten.[1]
Dieses Foto, auf dessen Rückseite die abgebildete Büste als „Antonio Canova. Büste des Königs von Rom. Wien, Liechtensteingal.“ beschrieben ist, wurde für eine Publikation reproduziert (Abb. 1). Im Jahr 1911 verwendete es Hermann Burg[2] zusammen mit drei weiteren Abbildungen von Darstellungen des Napoleon Franz im Beitrag Einige Büsten des Königs von Rom, den er im Jahrbuch des kunsthistorischen Institutes der K. K. Zentral-Kommission für Denkmalpflege veröffentlichte. Zu dem aus Essen stammenden Hermann Burg (1878–1946) ist leider wenig bekannt, nur dass er während des Ersten Weltkriegs im Kunstschutz tätig war,[3] als Kunsthändler arbeitete und in den 1930er-Jahren aufgrund seiner jüdischen Herkunft zur Emigration nach England gezwungen war. Fest steht zudem, dass er im Jahr 1912 im Fach Kunstgeschichte bei Max Dvořák promoviert wurde. Dvořák war nicht nur der Leiter des II. Kunsthistorischen Instituts der Universität Wien, sondern auch der Herausgeber des Jahrbuches, in dem das Foto der Büste publiziert wurde. Da Dvořák als Institutsleiter außerdem mit der Beschaffung von Fotos beauftragt und Burg sein Student war, liegt es nahe, dass die Fotografie über ihn in das Fotoarchiv gelangt ist.[4]
Burg vergleicht die Büste in seinem Aufsatz mit ähnlichen Werken. Er äußert die vorsichtige Vermutung, dass sie im Auftrag des französischen Generalintendanten Pierre Daru entstanden sein könnte. Er zweifelt eine direkte Autorenschaft Canovas an, ordnet das Objekt aber seiner Werkstatt zu. Wenn Canova doch der Urheber der Büste sei, so hätte er höchstens nach Vorlagen arbeiten können, denn Canova habe Napoleon Franz in dessen frühen Jahren nicht mehr getroffen. Verglichen mit Canovas Standards hält Burg die Büste für ein eher schwaches Werk.[5]
Die Büste befindet sich heute noch in den Sammlungen der Fürsten von Liechtenstein in Wien. Sie soll als Geschenk von August Ignaz von Liechtenstein an den Kunstmäzen Fürst Johann II. von Liechtenstein gelangt sein. Über die Auftraggeberschaft ist nichts bekannt – Burgs Vorschlag, Daru stecke dahinter, wird in der Literatur nicht weiter erwähnt.[6]
Unabhängig vom Bildgegenstand ist dieser Abzug ein gutes Beispiel dafür, wie Fotografien in der Kunstgeschichte Verwendung fanden. Die Foto-Objekte in der Institutssammlung dienten einst als Gebrauchsgegenstände für Lehre, Forschung und Wissenschaftskommunikation, wie in diesem Fall die weißen Markierungen anschaulich zeigen.
(Melina Rebec)
[1] Locher 2022, S. 17–19; Reichle 2005, S. 171.
[2] Auf dieser Seite des Aufsatzes (Abb. 1) fälschlicherweise als „Burger“ bezeichnet.
[3] Burg 1920, S. 5.
[4] Darauf lässt auch der Stempel auf dem Karton, der 1920–1933 verwendet wurde, schließen. Zur Institutsgeschichte siehe: Hartmuth/Maurer/Rosenberg [2025].
[5] Burg 1911, S. 177–183.
[6] Kräftner 2004, S. 82, 110; Liechtenstein. The Princely Collections – Sammlungen Online [2025].
Literatur:
Burg 1911
Hermann Burg, Einige Büsten des Königs von Rom, in: Max Dvořák (Hg.), Jahrbuch des kunsthistorischen Institutes der K. K. Zentralkommission für Denkmalpflege, Wien 1911, S. 177–184.
Burg 1920
Hermann Burg, Kunstschutz an der Westfront. Kritische Betrachtungen und Erinnerungen, Charlottenburg 1920.
Hartmuth/Maurer/Rosenberg [2025]
Maximilian Hartmuth/Golo Maurer/Raphael Rosenberg, Geschichte des Instituts. Institutionelle Vernetzung und methodischer Pluralismus, in: Website des Instituts für Kunstgeschichte, o. J. (Zugriff: 03.06.2025), URL: https://kunstgeschichte.univie.ac.at/institut/geschichte-des-instituts/.
Kräftner 2004
Johann Kräftner, Klassizismus und Biedermeier (Kat. Ausst., Liechtenstein Museum, Wien 2004), München/u.a. 2004.
Liechtenstein. The Princely Collections – Sammlungen Online [2025]
O. A., Büste des Napoleon Franz, König von Rom (1811-1832) Sohn Kaiser Napoleons I. von Frankreich, in: Liechtensteincollections Sammlungen Online, Wien o. J. (Zugriff: 03.06.2025), URL: https://www.liechtensteincollections.at/sammlungen-online/bueste-des-napoleon-franz-koenig-von-rom-1811-1832-sohn-kaiser-napoleons-i.-von-frankreich.
Locher 2022
Hubert Locher, Lehre – Medien – Kunst – Geschichte. Zur Einführung, in: Hubert Locher/Maria Männig (Hg.), Lehrmedien der Kunstgeschichte, Berlin/München 2022, S. 14–31, DOI: https://doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1515/9783422986251.
Reichle 2005
Ingeborg Reichle, Fotografie und Lichtbild: Die ‚unsichtbaren‘ Bildmedien der Kunstgeschichte, in: Anja Zimmermann (Hg.), Sichtbarkeit und Medium, Hamburg 2005, S. 169–181, DOI: https://doi.org/10.15460/HUP.85.
