Objektangaben:
Titel: Das Bildnis Agatha Bas von Rembrandt van Rijn (1641)
Urheber*in der Fotografie: E.A. Seemann Lichtbildanstalt Leipzig
Datierung der Aufnahme: um 1920
Technik: Glasdiapositiv
Maße: 8,5 x 8,5 cm
Provenienz: Franz Kuchař, Brno/Brünn
Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Diasammlung, Inv. Nr. 544202
Vom Buckingham Palace in die Wiener Hörsäle
Dieses Glasdia bildet Rembrandts Werk Agatha Bas aus dem Jahr 1641 ab. Durch die Wandlung des Bildmediums tritt an die Stelle eines großformatigen, polychromen Gemäldes, das seinerseits bereits ein Abbild ist, eine kleinformatige, monochrome Fotografie. Es gelangte mit 35 weiteren Diapositiven aus dem Besitz eines gewissen Franz Kuchař aus Brno/Brünn in die Sammlung des Instituts für Kunstgeschichte Wien. Es handelt sich um Farb- und Schwarzweißaufnahmen von Gemälden mit unterschiedlicher Autorenschaft, Entstehungsort und Entstehungszeit, vorrangig aber von Werken der Renaissance und des Barocks. Verbindend ist die Motivik, vertreten sind ausnahmslos Einzel- und Gruppenporträts. Zurückzuführen sind die Reproduktionen auf die E.A. Seemann Lichtbildanstalt Leipzig, und damit auf den ältesten deutschen Kunstverlag, welcher 1858 gegründet wurde.[1] Ein handschriftliches Etikett entlang des linken Randes enthält einige Basisinformationen zu dem aufgenommenen Kunstwerk: Künstlernamen, Titel, Zeit der Entstehung und Aufbewahrungsort – „Rembrandt: Junge Dame m. Fächer hinter e. Fensternische, Dez. 1641 – London, Kgr. England (Buck[ingham] P[alace])“.
Grundsätzlich kann ein Dia als ambiges ‚MedienObjekt‘ (Ulfert Tschirner) begriffen werden. Einerseits weist das Objekt eine mediale Seite auf: Es fungiert als Stellvertreter für den durch ihn repräsentierten Gegenstand, also in diesem Fall für Rembrandts Agatha Bas. Andererseits besitzt es eine materielle Seite: Das Dia verfügt in seiner eigenen Dinghaftigkeit über repräsentative Autonomie.[2] Als bloße fotografische Dokumentation, ohne eigene künstlerische Ansprüche, läuft das vorliegende Diapositiv Gefahr, übersehen zu werden, doch ein kleines Detail, nämlich eine Überklebung, lädt zur genaueren Betrachtung ein. Um diese zu bemerken, ist eine Gegenüberstellung der beiden Bildmedien – des Gemäldes (Abb. 1) und des Dias – vonnöten. Porträtiert ist eine junge Frau vor dunklem Hintergrund, eine Fensternische umrahmt sie. Ihre Kleidung ist prachtvoll, insbesondere die weißen Spitzenapplikationen und Goldstickereien an ihrem Gewand sowie der luxuriöse Perlen- und Goldschmuck lassen sie vor dem Dunkel erstrahlen. Das Gemälde interagiert mehrfach mit den Betrachtenden, primär durch den direkten Blick der Figur aus dem Bild heraus auf ihr Gegenüber. Mittels Trompe-l'œil erzeugt Rembrandt den Eindruck, als rage der Fächer in ihrer rechten Hand aus dem Bildraum. Eine weitere Pointierung der Illusion findet sich in ihrem linken Daumen, der auf dem gemalten Holzrahmen aufzuliegen scheint. Beide Aspekte lassen die räumliche Grenze zwischen Bild- und Betrachter*innenraum verschwimmen.[3] Wird nun das Dia betrachtet, fällt auf, dass die linke Hand Agatha Bas verdeckt ist. Wo Rembrandt den Fensterrahmen platziert, befindet sich auf dem Dia ein für dieses Bildmedium typischer schwarzer Klebestreifen. Rembrandts ursprünglicher Kunstgriff geht im Dia also verloren.
Im medialen Wandel zeigt sich ein allmählicher Prozess der Glättung: Bereits Rembrandt stellt etwas Dreidimensionales auf einer Fläche dar, doch findet sich in seinem Werk durch pastosen Farbauftrag eine gewisse Mehrdimensionalität. Besonders die weißen Spitzenstoffe ragen durch das Impasto reliefartig in den Raum und ähneln so der Struktur realer Textilien. Die fotografische Reproduktion des Dias überträgt diese durch Ölfarben bedingte Mehrschichtigkeit auf eine glatte Fläche. Die Reduzierung der Materialität mag wie ein Qualitätsverlust scheinen, doch erhalten die Rezipierenden mit der Wandlung der Medialität ebenso einen Zugewinn, neue Möglichkeiten der Interaktion entstehen: Plötzlich lässt sich das sonst großformatige, an einer Wand fixierte und exponierte Bild durch das minimierte Format wortwörtlich handhaben. Das Dia ist portabel, es kann berührt, transportiert, gesammelt, ver- und enthüllt, vor allem aber vergrößert gezeigt werden. Die Lehrenden konnten das Gemälde mittels Diaprojektoren auf der Leinwand präsentieren. Agatha Bas wurde durch die Überführung in ein vervielfältigbares Medium standortunabhängig zugänglich.
(Anna Jirkowsky)
[1] Ernst Elert Arthur Heinrich Seemann gründete den Verlags- und Sortimentsbuchhandel in Essen und fokussierte sich mit dem Firmenumzug nach Leipzig schließlich auf das Verlegen von Kunstliteratur und hochwertigen Reproduktionen. 1923 kam es zu einer Abtrennung der Lichtbildanstalt vom Verlag, bis 1934 gab es somit die eigenständige Firma „E.A. Seemanns Lichtbildanstalt“. Siehe Langer 1983, S. 128–132.
[2] Tschirner 2011, S. 16–17.
[3] Für Allgemeines zum Gemälde, siehe Roberts 2008, S. 40-41.
Literatur:
Langer 1983
Alfred Langer, Kunstliteratur und Reproduktion. 125 Jahre Seemann-Verlag im Dienste der Erforschung und Verbreitung der Kunst, Leipzig 1983.
Roberts 2008
Jane Roberts (Hg.), Treasures. The Royal Collection, London 2008.
Tschirner 2011
Ulfert Tschirner, Museum, Photographie und Reproduktion. Mediale Konstellationen im Untergrund des Germanischen Nationalmuseums, Bielefeld 2011.
