Neue Forschungen zur „Wiener Schule der Kunstgeschichte“

Das Interesse an der Geschichte der „Wiener Schule der Kunstgeschichte“ wuchs nicht nur im Rahmen der Geschichte der Wiener Universität u.a. mit einem Artikel im „Standard“, sondern hält auch international weiter an. So erschien 2015 eine umfangreiche Publikation mit internationalen Beiträgen von zwei Tagungen zu Leben und Werk des Wiener Ordinarius Josef Strzygowski anlässlich von dessen 150. Geburtstag.

Heuer wurden bereits zwei Bücher kanadischer Kolleginnen publiziert, in denen jeweils ein Kapitel einem Professor unseres Instituts gewidmet ist. Lisa Cooper, Professorin für Kunst und Archäologie des Nahen Ostens an der University of British Columbia in Vancouver, hat eine Biographie von Gertrude Bell (1868-1926) verfasst, die 1909-11 die heute vor allem durch terroristische Zerstörungen und Raubkunst bedrohten und bekannten historischen Stätten des Mittleren Ostens bereist und dokumentiert hat, aber auch durch die koloniale Grenzziehung zwischen dem Irak und Syrien im Jahre 1916 bekannt wurde. Die archäologischen Dokumentationen von Bell sind umso wertvoller, da manche von den antiken Fundplätzen auch schon vor den Bürgerkriegen des 21. Jahrhunderts durch Modernisierungen und Vandalismus zerstört worden sind. Die aus einer englischen Industriellenfamilie stammende Gertrude hatte als eine der ersten Frauen in Oxford Geschichte studiert und bald danach Reisen und Literaturstudien im Orient begonnen. Nach einem Besuch in Mschatta im Jahr 1900 war sie auch mit den Forschungen des Grazer und ab 1909 Wiener Ordinarius Josef Strzygowski bekannt geworden, dessen Publikation über das teilweise nach Berlin transferierte Wüstenschloss sie 1905 rezensierte. Der ebenso visionäre wie umstrittene österreichische Kunsthistoriker wurde zu einer „source of inspiration and knowledge about the Near East“ für Bell, weshalb die Biographin Strzygowski ein eigenes Kapitel in dem Buch gewidmet hat.
Erwähnenswert erscheint mir in diesem Zusammenhang das Lob, mit dem der österreichische Ordinarius 1907 Bells Werk über anatolische Kirchen lobte. Er schrieb nämlich, dass die Gelehrsamkeit dieser Frau „ein Beispiel für Männer sein sollte und diese mit eigenen Augen sehen sollten, dass Kleinasien ein sehr fruchtbares ‚Neuland‘ für die Kunstgeschichte ist“. Dieses Zitat bestätigt den Eindruck, dass Strzygowskis methodische Offenheit nicht nur mit einer Foto- und Technikbegeisterung (er führte 1909 in Wien den „Diapositivismus“ ein), sondern auch mit einem emanzipatorischen Wissenschaftsverständnis einherging. Bereits in Graz ließ er Frauen zum Studium zu, und dies erklärt wohl auch die große Zahl seiner (jüdischen) Studentinnen in Wien. Umgekehrt war es wohl gerade die Ausweitung des kunsthistorischen Forschungsgebietes, die es Strzygowskys Schülerinnen dann ermöglichte, abseits der im doppelten Sinne des Wortes klassischen Männerdomänen der Kunstgeschichte mit bzw. in den bis dahin peripheren, aber unerforschten Kunstlandschaften Karriere zu machen, z.B. Stella Kramrisch in Indien oder Hilde Zalosczer in Ägypten.

Evonne Levy von der Universität Toronto hat ihr neuestes Werk den politischen Implikationen der deutschsprachigen Barockforschung gewidmet, wobei sie fünf Forscher biographisch näher beleuchtet. Es beginnt mit Jakob Burckhardt und Heinrich Wölfflin, führt über den vor allem durch seinen Sohn und Enkel bekannt gewordenen Cornelius Gurlitt und endet mit Albert Erich Brinckmann sowie dem Wiener Ordinarius Hans Sedlmayr. In diesem Kapitel zeigt sie die methodischen bzw. politischen Veränderungen des Barockbildes des Kunsthistorikers von der ahistorischen Strukturanalyse seiner Dissertation über Johann Bernhard Fischer von Erlach im Jahre 1922 und der engen wissenschaftlichen Kooperation mit seinem jüngeren jüdischen Kollegen Otto Pächt um 1930 bis zur tagespolitischen Anbiederung des Parteimitgliedes Sedlmayr in der Propagierung eines „Reichsstiles“ im Jahre 1938 auf.
Diese m. M. nach eher durch ein Gespür für aktuelle Fragestellungen und politischen Opportunismus als durch Ideologie begründete Wandlung Sedlmayrs lässt sich durch weiteres Material im Institutsarchiv belegen: So hat Sedlmayr – obwohl bereits illegales NS-Parteimitglied - in den frühen 1930er Jahren ausführlich mit dem späteren Emigranten Pächt über methodische Fragen korrespondiert (siehe Foto eines Briefes von Pächt an Sedlmayr). 1939 erbat der Professor vom Dekanat einen Druckkostenzuschuss für eine von Josef Strzygowski und dessen Schülern – also den methodischen „Erzfeinden“ seines Doktorvaters Julius von Schlosser – verfasste Kunstgeschichte „Oesterreichs (!)“, wobei er den Autoren „einwandfreie kulturpolitische Gesinnung“ im Sinne des Nationalsozialismus bestätigte.

Den Beziehungen der jüngeren Generation der „Wiener Schule“ zur tschechischen Kunstgeschichte ist hingegen der slowakische Kunst- und Wissenschaftshistoriker Ján Bakoš vor kurzem in einem Aufsatz nachgegangen. In diesen Kreis der strukturalistischen Wiener Schule gehörte auch die Kunsthistorikerin Maria Hirsch (geb. Parnas, 1899/1900-1932), deren Aufsatz in den von Pächt und Sedlmayr herausgegebenen „Kunsthistorischen Forschungen“ von 1932 jüngst Karl Johns der englischsprachigen Leserschaft zugänglich gemacht hat. Alois Riegls „Kunstwollen“ und dessen Einfluss auf den Prager Kunsthistoriker  Vojtěch Birnbaum (1877–1934) widmete sich hingegen ein Aufsatz des jungen Prager Kollegen und Wiener Erasmus-Studenten Tomáš Murár unter dem Titel „Kunstwollen: The Transfer and Precarious Survival of an Artistic-Theoretical Concept in Czech Art History of the 20th Century“. Riegls Nachfolger wurde 1909 der aus Tschechien stammende Kunsthistoriker Max Dvořák, über den der Prager Akademieprofessor Jindřich Vybíral eine biografische Studie vorbereitet.

Bei so viel internationalem Interesse an der Wiener Kunstgeschichte sollte auch unser Institut nicht abseits stehen. Die von den Wiener Absolventinnen Maria Männig und Alexandra Pfeffer herausgegebene Internetzeitschrift "NEUE kunstwissenschadftliche forschungen" veröffentlichte in ihrer zweiten Ausgabe vom Mai 2016 gleich drei Aufsätze zur "Wiener Schule": von Daniel Neumann zu Alois Riegl's "Spätrömischer Kunstindustrie", von Maria Männig zu Hans Sedlmayr sowie von Marija Nujic über Hans Tietze als Kunstsoziologen. Im Sommersemester 2016 fand außerdem ein Forschungsseminar statt, welches der ersten promovierten Kunsthistorikerin der Wiener Universität, Erika Tietze-Conrat, und ihrem Umfeld gewidmet war. Geleitet wurde die Lehrveranstaltung von  Ao. Prof. Dr. Sabine Plakolm und der Provenienzforscherin Mag. Alexandra Caruso, die schon die Tagebücher von Tietze-Conrat publiziert hat. Eine Exkursion führte die TeilnehmerInnen des Seminars im Mai 2016 auch ins Institutsarchiv, wo es zwar keinen Nachlass, aber doch einige Bezugspunkte zu der nach Amerika emigrierten und dort verstorbenen Kunsthistorikerin gibt. So wurde sie 1904 auf einer ironischen und gegen den damals noch in Graz lehrenden Prof. Strzygowski gerichteten Kollage porträtiert. Hinweise auf die Kunsthistorikerin bzw. ihren Ehemann Hans Tietze, mit dem sie mehrfach gemeinsam publizierte, findet man aber auch im Nachlass von Dr. Kurt Rathe, in dessen „Gesellschaft zur Förderung moderner Kunst“ Hans Tietze etwa 1928/29 Lichtbildvorträge über Edvard Munch, die „Neue Sachlichkeit“ und Kunstfälschungen hielt.
Bemerkenswert ist jedoch die Tatsache, dass der ebenfalls aus Prag stammende und ebenso wie die Tietzes mit Kokoschka befreundete damalige Institutsvorstand Univ.-Prof. Dr. Karl Maria Swoboda entgegen der allgemein als zurückhaltend gegenüber den jüdischen EmigrantInnen geltenden Vorgangsweise schon 1947 mit dem damals in New York lebenden Hans Tietze Kontakt aufnahm und um Büchersendungen bat. 1952/53 ehrte die Wiener Universität vermutlich auf Anregung von Swoboda den ehemaligen Dozenten des Instituts mit einem Goldenen Doktordiplom, wofür der Ordinarius die Würdigung verfasste. Nach dem Tode von Tietze führte der Wiener Institutsvorstand die Korrespondenz mit dessen Witwe weiter.     

Der Zweitbegutachter der Dissertation von Erika Tietze-Conrat im Jahre 1905 war übrigens Julius von Schlosser (1866-1938), dem im Oktober dieses Jahres anlässlich seines 150. Geburtstages eine von unserem Institut gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Museum ausgerichtete Tagung gewidmet sein wird.

Friedrich Polleroß    Fotos: Institut für Kunstgeschichte (Karl Pani)