Die Handschriften aus Italien, Frankreich, Böhmen und Mähren.
Beitrag zum Katalog der illuminierten Handschriften des
14. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Graz

 

FWF-Projekt: P28767-G24
Laufzeit: 1. 1. 2016 - 31. 7. 2019

Projektleitung: Dr. Christine Beier
Mitarbeiterin: Mag. Christina Weiler


Der Wissens- und Kulturtransfer im Mittelalter, sein Anteil am Entstehen des modernen Europa, an dessen wissenschaftlich-technischem Aufschwung und an der Ausbildung von kultureller Identität und Diversität ist ein aktuelles Thema in den Humanwissenschaften. Wichtige Träger der Informationsvermittlung waren Bücher, mit deren Hilfe komplexe Inhalte über weite Distanzen transportiert und, dank der fast durchgängigen Verwendung von Latein, europaweit verstanden werden konnten. Unser Projekt ist zwei Gruppen von illuminierten Handschriften des 14. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Graz gewidmet, die einen Eindruck von der materiellen Seite dieses Transfers vermitteln können: Die eine setzt sich aus Büchern zusammen, die in Italien, Frankreich, Böhmen und Mähren entstanden sind und über verschiedene Klöster der Steiermark und Kärntens nach Graz gelangten. Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Handschriften, die in der Region, möglicherweise in den Klöstern selbst, im Stil der importierten Bücher ausgestattet wurden.

Beide Gruppen sollen nach dem Schema erschlossen werden, das für die Katalogisierung der illuminierten Handschriften in Österreich üblich ist: Die physischen Merkmale und der Inhalt werden beschrieben, wobei der künstlerischen Ausstattung und ihrer Platzierung im Text besondere Aufmerksamkeit gilt. Im Abschnitt "Stil und Einordnung" wird vor allem mit Hilfe des kunsthistorischen Vergleichs ein wissenschaftlich begründeter Vorschlag für Entstehungsort und -zeit gemacht. Für ein besseres Verständnis der stilistischen Tendenzen in der Buchmalerei dieser Zeit und der Position der Grazer Handschriften in dieser Entwicklung soll auch danach gefragt werden, wann diese Bücher importiert wurden und welche Auswirkungen sie auf die einheimische Buchmalerei hatten. Neben der allgegenwärtigen Übernahme einzelner Motive und bestimmter Strukturen der Ornamentsysteme, die an sich schon einen permanenten Austausch belegt, zeigt die zweite Gruppe der untersuchten Handschriften, dass lokale Künstler sich bemühten, das fremde Ausstattungssystem in seiner Gesamtheit nachzuahmen. Es ist zu fragen, ob sich die Maler an Arbeiten aus bestimmten Regionen oder Zentren orientierten, ob es eine zeitliche Korrelation zu den Importen gibt und ob für bestimmte Texte oder Textgattungen derartige Übernahmen besonders häufig nachzuweisen sind.

Ziel des Projektes ist es unter anderem, mit Hilfe von Handschriften, deren Herkunft und Geschichte mit kunsthistorischen Methoden gut zu eruieren ist, Modelle abzuleiten, die einen Eindruck von den Verflechtungen der Buchkultur des 14. Jahrhunderts vermitteln. Auf diese Weise soll eine Grundlage für weitere Untersuchungen geschaffen werden, die sich mit dem Buch als Medium für den Transfer von kulturellen Entwicklungen, Fachwissen oder religiösen Vorstellungen im mittelalterliche Europa befassen.