Troja "after the Black Death" Vier illuminierte Handschriften aus Venedig - Bilderzählung und Bilderfindung

Jubiläumsfondsprojekt 15809 (Laufzeit 01.01.2014 - 31.08.2015)

Projektleiter: O. Univ.-Prof. Michael Viktor Schwarz

Mitarbeiterin: Mag. Dr. Costanza Cipollaro


Der Troja-Stoff war vielleicht der erfolgreichste Erzählstoff des Mittelalters. Das hat auf der einen Seite mit dem Plot zu tun: ein Kampf von schicksalhafter Tragweite zwischen charismatischen Protagonisten, der aus zwei Perspektiven berichtet wird - letzterer Umstand eine Qualität, die als Besonderheit gar nicht überschätzt werden kann. Auf der anderen Seite war es die durch Vergil festgeschriebene Relevanz, die den Erfolg ausmachte: Der Troja-Mythos erlaubte es, persistente Frontlinien europäischer Kultur und Politik zu begründen (westlich/orientalisch, lateinisch/griechisch, ghibellinisch/guelfisch), und war der Ursprungsmythos eines erheblichen Teils der süd- und westeuropäischen Territorien und Dynastien. Entsprechend sickerte der Stoff in Texte wie Weltchroniken ein. Die wichtigsten Textmonumente sind aber der altfanzösische Roman de Troie des Benoît de Sainte-Maure und die lateinische Historia destructionis Troiae des sizilianischen Dichters und Notars Guido de Columnis (oder delle Colonne), die im späten 13. Jahrhundert als eine akzentuierte Kurzfassung des Roman de Troie entstand und bald in verschiedene Sprachen übersetzt wurde. Beide Texte waren im Italien des 14. Jahrhunderts besonders gut verbreitet - besser noch als etwa in Frankreich oder Mitteleuropa - und wurden oft verschwenderisch reich illustriert. Dabei fällt auf, daß in der ersten Jahrhunderthälfte der Roman de Troie dominiert (fünf illustrierte Handschriften mit jeweils 200 bis 400 Miniaturen), während in der zweiten Jahrhunderthälfte der moralisch und religiös aufgeladene Text des Guido de Columnis das Feld beherrscht: Bekannt sind sieben illuminierte Handschriften, davon stammen vier nach Stil und Motivschatz aus Venedig (Degenhart und Schmitt 1980): Madrid, Bibliotheca Nacional, Ms. 17805, London British Library, Add. 15477, Cologny-Genève, Fondation Martin Bodmer, Cod. 78, Mailand, Biblioteca Ambrosiana, Ms. H. 86 sup. Diese Gruppe venezianischer Manuskripte, die einerseits vielgestaltig, andererseits abgeschlossen ist, bildet den Untersuchungsgegenstand des Projekts.

Ein wichtiges Thema betrifft die Veränderung der darstellungstechnischen Strategien, die im Trecento eintrat. Darauf spielt auch die Komponente "after the Black Death" im Titel des Antrags an. In seinem vielzitierten Buch "Painting in Florence and Siena after the Black Death" hatte Millard Meiss (1951) die Hypothese gewagt, in Reaktion auf die Große Pest habe die Malerei von Naturnähe und Erzählfreude Abstand genommen und ein mehr hieratisch und didaktisch ausgerichtetes Idiom entwickelt. Oft in Frage gestellt, bleibt Meiss' Theorie der einzige kulturgeschichtlich fundierte Vorschlag, die Entwicklungen nach Giotto zu erklären oder zu kommentieren. Auch die venezianischen Guido de Columnis-Handschriften schließen weder direkt an Giotto noch an die Benoît-Handschriften der ersten Jahrhunderthälfte an, vielmehr ersetzen sie bestimmte in der ersten Trecento-Hälfte moderne Züge durch byzantinische Motivik. Hinzu treten Motive aus der Stadttopographie Venedigs. Insgesamt scheinen Stilidiom und Motivwahl die Kultur Venedigs repräsentieren zu wollen, so daß der Text nicht so sehr aktualisiert als "lokalisiert" wird. Seit dem 13. Jahrhundert galt Venedig als trojanische Gründung, eine Position, die Guido in seiner Dichtung aufgegriffen hatte. Das hilft manche formale Eigenart und generell den Erfolg des Buches in Venedig zu erklären, aber nicht, warum er sich erst "nach dem schwarzen Tod" in Buchmalerei äußerte. Dem wird im Rahmen des Projekts nachgegangen.